Fußball und Menschenrechte Die nichts kapieren

Der Fußball entzieht sich seiner politischen Verantwortung, der Weltverband Fifa ist ein "Totalausfall": Beim Kongress der Akademie für Fußballkultur in Nürnberg werden die Probleme des Sports diskutiert.

Von Sebastian Fischer, Nürnberg

Der Saal des Alten Rathauses in Nürnberg ist ein historischer Ort. Im Mittelalter mahlten hier die Mächtigen, als sie sich nach dem Dreißigjährigen Krieg auf Frieden geeinigt hatten. Heute herrscht noch immer eine feierliche Stimmung unter drei goldenen Kronleuchtern, die an der holzvertäfelten Decke hängen. Historisches zu erwarten, das wäre diesmal jedoch zu viel gewesen, stellte Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly am Freitagabend klar. Zunächst einmal ging es ja nur um Fußball, und außerdem um ein kompliziertes Vorhaben: Fußball und Menschenrechte, dieses im Jahr 2016 so gegensätzlich anmutende Begriffspaar, zusammenzubringen. "Das kann ein Kongress nicht leisten", sagte der SPD-Politiker zur Begrüßung. Allerdings konnte der Abend durchaus etwas leisten.

Die Deutsche Akademie für Fußballkultur hatte im Rahmen eines zweitägigen Kongresses zu einer Podiumsdiskussion geladen, Thema war die Vergabe der nächsten beiden Fußballweltmeisterschaften nach Russland und Katar. Das Fazit war nicht neu, aber deshalb nicht weniger wahr und wichtig: Der Fußball trägt gesellschaftliche Verantwortung. Und er schert sich zu wenig darum, nicht nur beim skandalumtosten Weltverband Fifa.

Erst seit der WM-Vergabe an Katar wird das Land politisch richtig durchleuchtet

Rechtsanwältin Sylvia Schenk zum Beispiel, Expertin für Sport und Compliance, erzählte von einem Telefonanruf; am anderen Ende der Leitung: der FC Bayern. Man wollte ihr mitteilen, dass der Verein erneut ins Trainingslager nach Katar fliegen würde. Sie habe entgegnet, dass sich der Klub verantwortlich fühlen müsse, auch die Probleme anzusprechen. Und dann las sie ein Interview mit Karl-Heinz Rummenigge, in dem der Vorstandschef erklärte, in Katar würde nun einmal "teilweise eine andere Kultur" gepflegt. "Dann", erklärte Schenk, "kann man nur sagen: Ihr habt nichts kapiert."

Der FC Bayern München flog wie schon im Jahr zuvor ins Trainingslager nach Katar.

(Foto: imago)

Denn was es mit der "anderen Kultur" auf sich hat, darüber haben Menschenrechts-Organisationen ja oft und ausführlich berichtet: In Katar werden Migranten auf den Baustellen als Arbeiter zu niedrigsten Löhnen ausgebeutet, menschenunwürdig untergebracht, sie sind vollkommen abhängig von ihren Arbeitgebern. Und daran habe sich auch durch die öffentliche Diskussion seit der WM-Vergabe nichts geändert, sagte Grünen-Politikerin Claudia Roth, die Schenk gegenüber saß: "Es gibt eine systematische Nichtbeachtung der Menschenrechte. Es ist völlig inakzeptabel, dass unter solchen Bedingungen ein Fest stattfindet." So weit, so bekannt, doch die Sause wird natürlich trotzdem stattfinden, denn so will es eben die Milliardenindustrie. Eine Sackgasse?

Nein, sagte Schenk und klang hoffnungsvoll, sie sei "sehr optimistisch": Es gebe durch die WM-Vergabe ja erstmals die Möglichkeit, etwas zu ändern an der Situation in Katar, für die sich ohne den Fußball wohl niemals jemand in der westlichen Welt interessiert habe. Und es seien erste Reformen auf dem Weg. Nein, sagte auch Helmut Spahn, bei der WM 2006 DFB-Sicherheitschef, nunmehr seit viereinhalb Jahren Generaldirektor einer Sicherheitsfirma in Katar und seit neuestem Präsident der Kickers Offenbach: Es würde sich etwas tun in Katar, es gebe viele aufgeklärte Menschen. Eigentlich schon, sagte der Schweizer Mark Pieth, ein Strafrechtsprofessor, der einmal mehr oder minder erfolgreich versucht hat, die Fifa zu reformieren: "Wir selbst sind käuflich, das ist das Problem. Denn kaum geht das Spiel los, vergessen wir unsere Prinzipien." Kaum geht das Spiel los, meinte er, ist Fußballkultur eben nicht mehr gesellschaftspolitisch, sondern nur noch der schönste Hackentrick.

Ein Menschenrechts-Verletzer als neuer Fifa-Präsident?

Doch das Hauptproblem, da waren sich alle einig, sei natürlich die Fifa, die sei gerade nun mal "ein Totalausfall", sagte Schenk. Und trotz der unumgänglichen Neuausrichtung nach der Inhaftierung zahlreicher Spitzenfunktionäre, sei die Bereitschaft fraglich, umzudenken und etwa der Situation der Menschenrechten in Ausrichterländern ähnliche Beachtung zu schenken wie der Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen, sagte Pieth. Exemplarisch dafür: Favorit auf die Nachfolge des suspendierten Fifa-Präsidenten Sepp Blatter ist Scheich Salman aus Bahrain. Ein Mann, dem Menschenrechtsorganisationen vorwerfen, die Demokratie-Bewegung in seinem Heimatland unterdrückt zu haben. Er soll mitgeholfen haben, protestierende Trainer und Spieler zu identifizieren, von denen einige ins Gefängnis mussten und manche gefoltert wurden. Ihm selbst werfen Menschenrechtsorganisationen vor, Menschenrechte verletzt zu haben. "Er ist Vertreter eines Herrscherhauses, das autokratisch regiert hat. Da kann er kein Leuchtturm für Aufbruch und Demokratie sein." Von den fünf Kandidaten, sagte Pieth, seien drei problematisch und zwei schlichtweg schwach.

Auf dem Podium in Nürnberg: Mark Pieth, Claudia Roth, Moderator und kicker-Chefredakteur Jörg Jakob Sylvia Schenk und Helmut Spahn (v. l.).

(Foto: Zink/imago)

Die Krise, sagte Pieth, betreffe ja nicht nur die Fifa. Sondern auch die Uefa, den DFB, Vereine wie den FC Bayern, der nach Katar fliegt und Selfies schießt, den FC Barcelona, der die Qatar Foundation als Sponsor auf der Brust trägt, oder den FC Schalke mit umstrittenem Geldgeber. "Die könnten sich wehren", sagt Pieth. "Aber das sind Unternehmen, die wollen Geld verdienen." Also: Reformen, politischer Fußball, Verantwortungsbewusstsein, all das wäre möglich - wenn es die Akteure nur wirklich wollten. Und das ist wohl unwahrscheinlich.

Claudia Roth war am Freitag mit einem rot-weißen Fanschal erschienen, der bis zum Boden reichte. Sie wollte sich also gerne als Fußballfan darstellen. Und als solcher sagte sie irgendwann in die Runde, das müsse doch die Botschaft sein: "Bring back the football to uns." So lieb gemeint, aber unbeholfen wie das klang, wäre es vielleicht das passende Schlusswort gewesen.