Von Thomas Hummel, Berlin

Im DFB-Team vollzieht sich ein Umbruch: Die Platzhirsche verlieren langsam ihre Stellung, eine Generation Mittzwanziger rückt nach. Mittendrin: der Leverkusener Simon Rolfes.

Im Kanzleramt, so erzählte Manager Oliver Bierhoff, durften die Nationalspieler Fragen stellen. Es sei dabei ums Private gegangen, um Politik, "bis ins Wirtschaftliche hinein". Welche Fragen nun von welchen Spielern kamen, so intim wollte Bierhoff nicht plaudern. Wobei bald das Gerücht die Runde machte, Bastian Schweinsteiger habe die privaten Fragen gestellt.

Bild vergrößern

Klettert die Hierarchieleiter hinauf: Simon Rolfes (© Foto: Getty)

Anzeige

Bei Simon Rolfes wären die Spekulationen etwas schwieriger gefallen. Rolfes gilt als Musterexemplar der neuen Nationalspielergeneration: gebildet, lernwillig, professionell, öffentlich korrekt und in Interviews gerne mit Allgemeinplätzen hantierend. Unter vier Augen hätte er wohl alles von der Bundeskanzlerin wissen wollen, Privates, Politisches, sogar über Physik hätten sich beiden unterhalten können. Merkel ist diplomierte Physikerin, Rolfes hat immerhin sein Abitur im Leistungsfach Physik gemacht.

Es wäre Simon Rolfes inzwischen zuzutrauen, sich auch im Beisein der Kollegen mit der Kanzlerin über Newton oder die Relativitätstheorie zu unterhalten. Denn in der Nationalmannschaft vollzieht sich derzeit ein Umbruch in der Hierarchie, wie es das eine DFB-Elf selten erlebt hat. Bisherige Führungsspieler werden von Bundestrainer Joachim Löw mitunter barsch zurechtgewiesen und haben ihre Stammplatzsicherheit verloren. Im vierköpfigen Mannschaftsrat, der am Montagabend noch die Prämien für die Weltmeisterschaft 2010 ausgehandelt hat, hat nur Philipp Lahm eine gehobene Rolle über Südafrika hinaus sicher. Miroslav Klose und Michael Ballack werden sich wohl noch bis zum Weltturnier halten, bei Torsten Frings ist noch nicht einmal das sicher.

"Diese Spieler reifen heran"

So rückt eine Gruppe Mittzwanziger in das größer werdende Vakuum in der obersten Hierarchie-Ebene nach. Nach aktuellen Eindrücken könnte an der Spitze dieser Gruppe neben Lahm, Per Mertesacker und Bastian Schweinsteiger auch Simon Rolfes stehen. "Diese Spieler reifen heran, sammeln Erfahrungen und denken schon über ihre eigene Person hinaus", erkennt Bierhoff. Und der 26-Jährige aus Leverkusen stellt sich auch öffentlich der Herausforderung: Im Kader für das Freundschaftsspiel ist er das fünftälteste Mitglied, "wenn so viele junge Spieler dabei sind, verändert sich natürlich meine Rolle in der Mannschaft", sagte Rolfes. Er werde versuchen, Verantwortung zu übernehmen.

Dabei qualifiziert sich der Mittelfeldspieler dafür als Zentrum des Leverkusener Aufschwungs. Seit Wochen führt er als Kapitän eine ebenfalls sehr junge Mannschaft, die neben Hoffenheim den attraktivsten, schnellsten und erfolgreichsten Fußball der Liga spielt. Als Bierhoff bekanntgab, dass der Bundestrainer Jermaine Jones gegen England von Beginn an aufstellen wird, erübrigte sich die Frage nach dessen Partner im Mittelfeld. An Simon Rolfes gibt es angesichts der Ausfälle von Ballack und Frings und des Formtiefs von Thomas Hitzlsperger kein Vorbeikommen.

Ein Sieger der Ballack/Frings-Löw-Affäre

Dabei darf sich der Leverkusener auch als ein Sieger der Ballack/Frings-Löw-Affäre sehen. Ballack und Frings sind die verdienten Konkurrenten im zentralen Mittelfeld, im Fußballjargon Platzhirsche genannt. Noch im EM-Finale schenkte ihnen Löw das Vertrauen. Als Ballack anschließend spürte, dass ihm unter anderem Rolfes bald seinen Platz streitig machen könnte, holte er zur öffentlichen Klage aus. Und gab sich zudem als Fürsprecher für Frings. Ob Rolfes das nicht als Geringschätzung empfand, als die beiden einen Platz für sich in Anspruch nahmen? Rolfes antwortete: "Dazu möchte ich nichts mehr sagen." Dazu muss er auch nichts mehr sagen. Der Bundestrainer hat das für ihn mehrfach erledigt.

Dass Simon Rolfes nun für die WM 2010 eine exponierte Stellung in Löws Planungen einnimmt, ist derzeit folgerichtig, hat aber auch seine Tücken. Denn noch hat sich der 26-Jährige kaum in der obersten Kategorie des Weltfußballs bewähren müssen. Mit seinen Klubs hat er noch keine Champions-League-Teilnahme vorzuweisen, bei der EM spielte er gegen Portugal grandios, gegen die Türkei schwach und im Finale gegen Spanien gar nicht.

Doch Simon Rolfes neigt auch nicht dazu, diese Bilanz schönzureden. "Ich habe bei der EM einen Schritt nach vorne gemacht und mir einen Platz im Kader erkämpft. Der nächste Schritt ist nun ein Platz in der ersten Mannschaft." Von einem Platz im Mannschaftsrat spricht er noch nicht.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(sueddeutsche.de/tbc)