Pfosten und Latte helfen gerne: Trotz einer 1:2-Niederlage bei Manchester City erreicht der Hamburger SV das Halbfinale. Eine deutsche Mannschaft kommt sicher ins Endspiel.

Später fragten sich die Hamburger, was Schiedsrichter Nicola Rizzoli in dieser 16. Minute wohl gesehen hatte. 1:0 führte der Hamburger SV zu diesem Zeitpunkt bereits bei Manchester City, nach dem 3:1 im Hinspiel dieses Uefa-Pokal-Viertelfinales sah also alles bestens aus. Was sollte noch schiefgehen? In dieser 16. Minute aber schoss Manchesters Elano in Richtung Tor, Piotr Trochowski, der sich wegdrehte, bekam den Ball an den angelegten Oberarm - und Rizzoli entschied auf Elfmeter.

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Die Hamburger stehen nach dem 2:1 gegen Manchester im Halbfinale. (© Foto: dpa)

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Mit Gesten bedeutete er, Trochowski habe den Ball mit den Händen aufgehalten, absichtlich, und alle Beteuerungen des Hamburgers nützen natürlich nichts: Rizzoli blieb bei seiner krassen Fehlentscheidung, Elano nutze den Elfmeter zum Ausgleich (17. Minute), und plötzlich war wieder Leben in der Partie. Die 48.000 Zuschauer im City-of-Manchester-Stadion peitschten ihre Mannschaft nach vorn, und am Ende konnte sich der HSV glücklich schätzen, diese Partie lediglich 1:2 (1:1) verloren zu haben, denn das reichte. Im Halbfinale trifft die Mannschaft nun auf Werder Bremen.

Dabei schien es erst, als würde es ein überaus ruhiger Abend für die Hamburger werden. Bei prächtiger Atmosphäre hatte der HSV selbstbewusst begonnen und war nach zwölf Minuten in Führung gegangen. Jonathan Pitroipa hatte von rechts in den Strafraum gepasst, Ivica Olic verlängerte, und dann war es Paolo Guerrero, der die Kugel aus acht Metern Entfernung ins Netz schob.

Einen Tick schneller als Vincent Kompany war er gewesen, der vormals für den HSV spielte und viel Geld in die Kassen gespült hat, als er nach Manchester verkauft wurde - wenn auch nicht so viel Nigel de Jong, den die Hamburger für fast 20 Millionen Euro an City verkauften. De Jong ist jedoch im Uefa-Pokal noch nicht spielberechtigt für seinen neuen Klub, vielleicht wäre er sonst auch so freundlich gewesen, einen Fehler zu begehen.

Nach dem Hamburger Treffer wurde es deutlich leiser im Stadion, alle stellten sich jetzt auf einen faden Abend ein, an dem das Spiel anstandshalber zu Ende gebracht würde. Mit seinem Elfmeterpfiff erweckte Rizzoli das Publikum wieder zum Leben, und auch das Team von City witterte nun wieder seine Chance. Unter Führung des genialischen Brasilianers Elano kam die Elf zu allerlei Chancen, die insbesondere Felipe Caicedo mit Verve vergab. Caicedo gelang es zudem, immer wieder ins Abseits zu laufen, was er nicht einziges Mal glauben wollte. Er raufte sich die Haare, er blickte verzweifelt zum Himmel, er schrie. Aber der Linienrichter lag immer richtig.

Sein Flehen und Wüten - es nützte dennoch etwas, Caicedo wurde erlöst. In der 50. Minute passte Stephen Ireland den Ball vor dem Strafraum zu Caicedo, der ein Tänzchen ansetze. Michael Gravgaard rutsche verwirrt weg, Jerome Boateng verschätzte sich, und Caicedo vollendete seinen Tanz, indem er den Ball überlegt mit dem linken Fuß ins Netz schoss. 2:1, nur noch ein Tor fehlte City, um das Ergebnis des Hinspiels immerhin auszugleichen, und das Stadion kochte jetzt.

Nur vier Minuten später legte sich Elano den Ball zu einem seiner gefürchteten Freistöße zurecht. Mit viel Gefühl hob er die Kugel über die Mauer, der Ball flog auf einer schönen Kurve, auf direktem Weg ins Tor, wie es schien, und dann ertönte zur Erleichterung von Torwart Frank Rost das klatschende Geräusch: Pfosten. Es war Manchesters beste Phase, der HSV wankte, aber er fiel nicht, was auch an Caicedo lagt. Der stand zwar weniger häufig im Abseits, dafür jagte er den Ball aus vier Metern über das Tor (55.). Das Stadion stöhnte.

In der Folge drängte Manchester weiter, der HSV stemmte sich den Angriffen mit Leidenschaft entgegen. Es sah nicht gut aus, bis Citys Kapitän Richard Dunne auf den Plan trat, der bereits in der 14.Minute Gelb gesehen hatte und seitdem dreimal ermahnt worden war. In der 75. Minute leistete er sich ein weiteres Foul gegen den eingewechselten Mladen Petric und sah die gelb-rote Karte. Es war erstaunlich, dass Trainer Mark Hughes ihn so lange auf dem Platz gelassen hatte, denn der Platzverweis war nur eine Frage der Zeit gewesen.

Die Überzahl verschaffte den Hamburgern etwas Luft. Dann tat Hughes noch etwas Erstaunliches: Er wechselte Elano aus, den besten Mann auf dem Platz. Auch das war ganz im Sinne der Hamburger, die nun nicht mehr bei jedem Freistoß fürchten mussten, Zeugen eines Wunderschusses zu werden. Die letzten Minuten: Sie waren hektisch, sie waren laut, sie waren ein einziges Auf und Ab, und als sie vorüber waren, hatte der Hamburger SV das Halbfinale des Uefas-Pokals erreicht.

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(SZ vom 17.04.2009)