Fußball: Türkei Der große Wettbetrug

Die türkischen Behörden haben 46 verdächtige Personen festgenommen. Der Bewerbung der Türkei um die EM 2016 ist das nicht förderlich.

Von Tobias Schächter und Hans Leyendecker

Jede menschliche Einrichtung hat ihr eigenes Milieu, ihren Duft und auch ihre eigene Sprache: "Was meint der Begriff Bank?", fragte neulich ein Beamter der Bochumer Sonderkommission "Flankengott" den aus dem niedersächsischen Lohne stammenden Zocker Nurettin G. bei einer Vernehmung. Von einer "Bank" sei die Rede, wenn ein Spiel todsicher manipuliert worden sei, antwortete der 34-jährige Untersuchungshäftling. Dann redete er über todsichere Spiele am Bosporus.

Die Türkei stand schon häufig im Ruch, dass Spiele nicht nur auf dem Platz entschieden werden. Aber selten war der Generalverdacht so unangenehm wie in diesen Tagen. Die Türkei bemüht sich um die Ausrichtung der Fußball- EM 2016. Eine Kommission des Europäischen Fußballverbandes Uefa ist derzeit in Istanbul, um die Bewerbung zu sichten. Die aktuellen Nachrichten aus dem türkischen Fußballbetrieb sind dabei gerade nicht förderlich und deutsche Fahnder haben mit dieser Entwicklung eine Menge zu tun.

Ermittler der Bochumer Staatsanwaltschaft und der örtlichen Kriminalpolizei rollen seit Monaten einen großen europäischen Fußball-Wettskandal auf. Spiele in Bosnien, Kroatien, Österreich, Slowenien, Schweiz, Ungarn, Belgien und Deutschland sollen verschoben worden sein, aber nirgendwo zeigte ihr Wirken solche Folgen wie in der Türkei.

Nationalspieler involviert

Ende vorigen Monats begann die Istanbuler Polizei mit einer Operation, die mit dem Begriff Razzia nur unzureichend umschrieben werden kann. 46 Personen aus dem Fußball-Milieu kamen in Haft. Bis Mittwochabend saßen noch 27 von ihnen ein, dann wurden am Donnerstag noch einmal zehn weitere Verdächtige verhaftet. Einer von ihnen ist der frühere Fenerbahce-Spieler Celil Sagir, der momentan beim Zweitligisten Caykur Rizespor unter Vertrag steht. Zu den Inhaftierten gehören: ein Klubpräsident, ein Technischer Direktor, mehr als ein halbes Dutzend Trainer, mehrere Torhüter, diverse Feldspieler und ehemalige Fußballer.

Die Kooperation zwischen deutschen und türkischen Fahndern ist so eng, dass türkische Ermittler vor einigen Wochen in Deutschland sogar Nurettin G. befragen durften, der vom 20. Januar bis Mitte März in Bochum ausgepackt hat. Er redete beispielsweise über den ehemaligen Nationalspieler Fatih Akyel, der das richtige Näschen für ungewöhnliche Spielausgänge gehabt habe. Dank Akyel habe er mal 80.000 Euro Gewinn gemacht. Akyel hatte einen Namen zu verlieren.

Nur 29 Spiele manipuliert?

Er gewann mit Galatasaray 2000 den Uefa-Cup und wurde 2002 mit der Türkei Dritter bei der Fußball-WM. Kurz spielte er auch beim VfL Bochum und kickt derzeit in der dritten türkischen Liga. Anfang des Jahres hatte er kurz mit einem Wechsel zu Bayer Uerdingen geliebäugelt. Sein Berater Metin Korkmaz wurde auch festgenommen. Dessen Name zieht sich durch die Bochumer Verhörprotokolle, weil er angeblich von manipulierbaren Spielen wusste. In Erinnerung ist aber im Revier mehr sein Chauffeur geblieben, der bei einem Spiel der 2. Liga einen todsicheren Tipp hatte: Nurettin G., der insgesamt oft verlor, gewann mit dem Tipp des Chauffeurs 200.000 Euro.

Dessen wichtigster Verbindungsmann war Erkan Ergün, auch der ist ins Visier der Istanbuler Fahnder geraten. Auf Ergün ist Nurettin G. nicht gut zu sprechen, weil der ihn hereingelegt habe. Eine wichtige Rolle in den Vernehmungen spielt auch Bilal Aziz, der mal für die zweite Mannschaft von Schalke 04 spielte und dann zum VfL Osnabrück wechselte. Der Wettpate aus Lohne berichtete, dort habe Aziz sogar gegen die eigene Mannschaft gewettet. Mit 25.000 Euro Wettschulden sei er 2008 zum türkischen Erstligisten Kayserispor gewechselt. Danach habe Aziz die Schulden bezahlt. Anfang 2010 wurde er von Kayserispor wegen Manipulationsverdacht suspendiert. In den Bochumer Akten war anfangs von 29 verschobenen Spielen in der Türkei die Rede. Nur 29? Es gebe "noch viel mehr Spiele", die in unteren Ligen manipuliert würden, klärte G. die Fahnder auf.