Fußball: Trikot ausziehen Gelbe Karte als Ritterschlag

Wenn der Sportler dann vor tausenden Zuschauern zum Narziss wird, "wird der muskulöse Körper als ein Symbol der kraftstrotzenden Männlichkeit und Hypermaskulinität vorgeführt", glaubt Sportsoziologe Bette. Für den Darmstädter Professor kann das Entblößen auch als Zeichen an das Publikum verstanden werden, dass der Spieler "alles gegeben und nichts zu verstecken hat". Für seine ehrlich erbrachte Leistung erwarte er nun "seinen Lohn in Form einer Huldigung". Im Fall Olic funktionierte das vorzüglich.

Muskeln, Tattoos, Gelb

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Für den Kollegen Gugutzer kommt hinzu, dass der Fußball "eine sehr traditionelle Männerwelt ist". Das Zurschaustellen des nackten Oberkörpers sei in dieser Welt ein Zeichen: "Schaut her, was ich für ein toller Hecht bin!" Dass dies verboten ist, erhöht den Wert des Rituals. Sich gegen eine Regel aufzulehnen, die Inkaufnahme der Strafe beinhaltet eine heroische Note. Die gelbe Karte ist demnach "ein Ritterschlag, eine Auszeichnung", so Gugutzer. Bezeichnend auch, dass der Sünder Olic dem strafenden Schiedsrichter De Bleeckere noch lächelnd die Hand gab.

Stellt sich nun die Frage, warum das in Europa gemeinhin als harmlos zu bezeichnende Ritual auf dem Feld genauso bestraft wird wie das brutale Foul eines Boateng, mit dem er Michael Ballack die Bänder zerfetzte. Im Jahr 2002 beschloss das regelgebende Fifa International Board (IFAB), dass nur noch Spieler das Trikot beim Jubeln ausziehen dürften, wenn auf dem Hemd darunter keine religiösen, privaten oder politischen Mitteilungen standen. Das "I love Jesus" vor allem brasilianischer Profis war den Funktionären wohl ein Dorn im Auge.

Zwei Jahre später erging der Erlass, dass der nackte Oberkörper beim Jubeln generell nicht mehr geduldet werden könne. Die Regelhüter teilten mit, das Trikotausziehen sei nun als "unsportliches Betragen" zu ahnden. Dabei reicht es schon, wenn sich der Spieler mit dem Hemd sein Gesicht verdeckt. "Das Ausziehen des Trikots nach einem Tor ist unnötig. Solch übermäßiger Torjubel ist von den Spielern zu vermeiden", heißt es in Regel Nummer zwölf.

Da vier von acht IFAB-Mitgliedern von den ehrwürdigen Verbänden England, Schottland, Wales und Nordirland gestellt werden, liegt die Vermutung nahe, dass das Trikotausziehen dem britischen Sportsgeist widerspricht. Offiziell heißt es, dass es nicht mit den kulturellen Regeln einiger Fifa-Mitgliedsländer zu vereinbaren sei. Es gebe etwa "in islamischen Staaten in dieser Hinsicht Probleme", sagte 2004 der damalige Vorsitzende des DFB-Schiedsrichter-Ausschusses, Volker Roth.

Tatsächlich wunderten sich beispielsweise die Zuschauer des iranischen Fernsehens, dass nach dem Olic-Tor im Spiel FC Bayern gegen Manchester keine Wiederholung des Olic-Tores gezeigt wurde - sondern eine Wiederholung der ersten beiden Treffer. Solch ein austrainierter nackter Männer-Oberkörper ist im offiziellen Iran eben nicht so gern gesehen.