Von Michael König

Podolski geht nach Köln, Kaká bleibt in Mailand - die Liebe der Massen scheint den Profis plötzlich wichtiger zu sein als noch mehr Geld. Für manchen Klub wäre das die Rettung.

Es ist das schönste Bild der Winterpause, vielleicht der ganzen Saison, ach was, seien wir großzügig: Es ist das schönste Bild in der Geschichte des Fußballs. Kaká am Fenster seiner Wohnung, er hält ein Trikot des AC Mailand in den Händen, er schwenkt es in Richtung der Fans und deutet mit dem Finger auf seine Brust.

Bild vergrößern

Kaká demonstriert am Fenster seiner Wohnung in Mailand Verbundenheit mit seinem Verein. (© Foto: AP)

Anzeige

"Seht her, ich bleibe, es ist eine Herzensangelegenheit", sollte das heißen. Der Südländer neigt zu Übertreibungen, und so wurde aus der Entscheidung des 24 Jahre alten Brasilianers flugs ein Sieg über England, über das Geld der Scheichs, über den Raubtierkapitalismus. Die Fans hatten an den Stolz des Spielers appelliert - und der Spieler gehorchte.

15 bis 20 Millionen Euro hätte Kaká pro Jahr verdienen können, wäre er zu Manchester City gewechselt - in Mailand sind es wohl "nur" neun bis zehn Millionen. Seit Scheich Mansour Bin Zayed Al Nahyan - geschätztes Privatvermögen 16,5 Milliarden Euro - den Verein im September übernahm, spielt Geld bei City keine Rolle mehr. Als Ablöse waren 130 Millionen Euro im Gespräch - es wäre der teuerste Transfer aller Zeiten gewesen.

Proteste und Bilder

Kaká begründete die Absage so: "Was die Fans mir gezeigt haben, war bewegend. All die Nachrichten, die ich bekommen habe, haben mich dazu gebracht, auf mein Herz zu hören." Hunderte Milan-Fans hatten vor der Geschäftsstelle des Vereins protestiert, vor der Wohnung des Stars wurde eine Mahnwache abgehalten. Besonders beeindruckt war Kaká aber offenbar von den Werken einiger Kinder: "Sie haben Bilder gemalt, um mich zu überzeugen, hierzubleiben. Es war wundervoll."

Der Fall erinnert frappierend an das Wechseltheater um Lukas Podolski in der Bundesliga. Im Kölner Dom wurden Kerzen entzündet und Gebete gesprochen, um den verlorenen Sohn vom FC Bayern zurückzuholen. Die Fans gründeten Vereine und dichteten Lieder - mit Erfolg: Podolski lehnte Angebote von deutschen, italienischen und englischen Klubs ab, um wieder dort zu spielen, wo er sich wohl fühlt. Wie Kaká dürfte auch Podolski freiwillig auf mehr Geld verzichtet haben.

Ein Lied für Marin

Ist das der neue Trend im Fußball? Ziehen Profis die Liebe der Massen dem schnöden Mammon vor? Für finanziell schwächere Vereine wäre das die Rettung: Borussia Mönchengladbach könnte versuchen, alle Grundschulen im Umkreis von 50 Kilometern zu mobilisieren: Im Musikunterricht werden Lieder für Marko Marin komponiert, zum Beispiel: "Marin, my love - Ich bin der Marin, ne". Vielleicht würde der schwer gerührte Dribbelkünstler auf die Offerten der Großklubs verzichten.

Bei 1860 München wäre der Transfer von Timo Gebhart zum VfB Stuttgart vielleicht noch zu stoppen gewesen, wenn der Kindergarten Giesing schnell eine Buntstift-Bilderserie aufgelegt hätte: Timo vor der Frauenkirche, Timo bei den Löwen im Tierpark Thalkirchen, Timo als Denkmal vor dem Grünwalder Stadion ...

Der Spieler bleibt, der Verein spart Geld, die Fans freuen sich - so etwas nennt man Win-win-win-Situation. Wie sagt Milan-Besitzer Silvio Berlusconi: "Für Kaká ist Geld nicht alles. Er orientiert sich an höheren Werten."

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(sueddeutsche.de/jüsc)