Fußball Transfer-Posse beim HSV: Gescheitert am Posteingang

Spielt weiter für Bern: Sékou Sanogo

(Foto: Getty Images)
  • Der Transfer des Spielers Sékou Sanogo zum Hamburger SV scheitert, weil die Dokumente offenbar wenige Minuten nach Fristende ankommen.
  • Die Vereine geben sich gegenseitig die Schuld am verpatzten Wechsel.
  • Es ist nur einer von mehreren Wechseln, die in den vergangenen Wechselperioden knapp scheitern. Die Klubs verfolgen damit eine Strategie.
Von Martin Schneider

Die Geschichte, über die sich alle lustig machen, handelt nicht von einem Faxgerät und geht so: Der Hamburger SV will Sékou Sanogo verpflichten, einen 26-jährigen Mittelfeldspieler des Schweizer Klubs Young Boys Bern. Mittags sei man sich einig gewesen. "Leider wurden die für den Transfer erforderlichen Dokumente in Bern zu spät versendet und erreichten uns nach 18 Uhr", sagt Peter Knäbel, Sportdirektor des HSV und für Transfers verantwortlich. Nach 18 Uhr (es soll in diesem Fall um 18:04 Uhr gewesen sein) darf man nach den Regeln am letzten Tag der Wechselperiode aber keine Transfers mehr abschließen. Sanogo bleibt damit bei Bern.

Was hätte nun das Fax damit zu tun haben sollen? Nun, Faxgeräte sind ja die maschinengewordene Steinzeit, als Kommunikationsmedium gefühlt so modern wie Morsen, Brieftauben oder Rauchzeichen. Sie sind die Art von Geräten, die zwar veraltet sind, aber (noch) nicht Kult, wie zum Beispiel Telefone mit Wählscheibe oder die übergroßen Kopfhörer, die Bayern-Co-Trainer Hermann Gerland am Wochenende trug. Aber das Telefaksimile (so heißt das Gerät eigentlich) taucht im Fußball immer wieder auf, meist zum Transferschluss, was besonders an Eric Maxim Choupo-Moting liegt. Dessen Wechsel von Hamburg nach Köln scheiterte 2011 an einem kaputten Fax und einer Verspätung von 13 Minuten. Der 1. FC Köln bekundete am Montag auf Twitter Mitleid mit dem HSV.

Wegen Flugangst nicht nach Mailand

Der Dino der Liga, bei dem zuweilen auch Rucksäcke mit Gehaltslisten in einem Stadtpark auftauchen, scheitert am Fax. Zu schön. Auf Twitter war der Hashtag #HSVFaxFilme kurzzeitig das beliebteste Schlagwort ("Fax you Göthe", "Faxfischen im Jemen"). Das war witzig. Bis Peter Knäbel etwas klarstellte: "Es gilt klarzustellen", lässt sich der Sportdirektor auf der Homepage des Vereins zitieren, "dass heutzutage keine Vertragsunterlagen mehr gefaxt werden." Der Wechsel scheiterte dann offenbar völlig zeitgemäß an einer E-Mail. In Bern sind sie sich aber keiner Schuld bewusst. Laut Sportchef Fredy Bickel seien die nötigen Unterlagen am Montag um 17:51 Uhr und um 17:54 Uhr zweimal rechtzeitig zu den Hanseaten geschickt worden.

Die Geschichte des Profifußballs ist voll mit kurios gescheiterten Transfers, etwa der Litauer Valdas Ivanauskas, der 1997 nach Wolfsburg wechseln wollte und am Einspruch seiner Frau Beatrix scheiterte ("Valdas, ich liebe dich, aber ich kann nicht in Wolfsburg leben"). Oder Ulf Kirsten, der sich 1989 mit Inter Mailand einig war. Die Italiener schickten einen Privatjet, aber Kirsten hatte panische Flugangst.

Manager sind skeptisch bei Wintertransfers

Solche Episoden wie nun mit Sanogo und dem HSV sind aber keine kuriosen Zufälle mehr. Entscheidungen werden immer häufiger bis kurz vor knapp hinausgezögert. Kevin Großkreutz (kein Wechsel von Dortmund zu Galatasaray Istanbul) oder Torwart David de Gea (kein Wechsel von Manchester United zu Real Madrid) sind die prominentesten Beispiele. Das hat verhandlungstaktische Gründe. Wenn ein Verein in der Winterpause keinen gesunden Stürmer mehr hat und die Uhr tickt, dann bringt das den ein oder anderen dazu, für einen Spieler acht Millionen zu zahlen, für den er im Sommer keine drei ausgeben würde. Mönchengladbachs Manager Max Eberl sagte vor Kurzem auch im SZ-Interview, seriöse Kaderplanung mache man eigentlich im Sommer. Außer eben, der halbe Kader verletzt sich.

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So geschehen eben bei der Borussia aus Gladbach, die Jonas Hofmann für 7,5 Millionen Euro aus Dortmund holte (weil Patrick Herrmann und André Hahn länger ausfallen) oder bei Bayern München, die Serdar Taşçı ausliehen (weil Jérôme Boateng und Javi Martínez verletzt sind). Und das, obwohl Karl-Heinz Rummenigge kurz zuvor ähnlich wie Max Eberl sagte: "Gute Spieler werden im Winter nicht abgegeben, Notkäufe bleiben, was sie sind, und kosten nur Geld." Da wusste der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern allerdings noch nicht, dass auch Martínez länger ausfallen wird.

Der Deadline-Day sorgt für herausragende Einschaltquoten

In England ist der sogenannte "Deadline-Day" selbst ein TV-Ereignis, Reporter stehen vor den Stadien und berichten live, in Laufbändern werden Deals, Preise und Gerüchte eingeblendet. Das Hin- und Herwerfen von Menschen zu Millionenbeträgen hat offenbar einen hohen Unterhaltungsfaktor. Besonders, wenn Spieler wie Peter Odemwingie zu den Queens Park Rangers wechseln wollen, dann auf dem Parkplatz stehen, aber einfach nicht zur Vertragsunterschrift ins Stadion gelassen werden (so passiert 2013, die Klubs wurden sich nicht einig). In England melden Sender herausragende Quoten, auch in Deutschland liegt der Pay-TV-Sender Sky Sport News HD an diesem Tag zuschauertechnisch weit über dem Durchschnitt.

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Englands Premier League gab im Winter auch das meiste Geld aus: 236,34 Millionen Euro und damit mehr als 55 Prozent der Transferausgaben der fünf großen Ligen Europas entfallen auf die Top-Klubs von der Insel. Die Ausgaben der Bundesliga für neue Spieler entsprechen gerade einmal etwas mehr als einem Fünftel der englischen Investitionen: Die 18 deutschen Klubs gaben 47,92 Millionen Euro aus und liegen damit im Europa-Vergleich hinter Italien (80,1) auf dem dritten Rang. Die Vereine der spanischen Primera Division ließen sich neue Spieler 31,92 Millionen Euro kosten, und für Frankreichs Klubs stehen Ausgaben von 31,5 Millionen Euro zu Buche.

Ab Sommer wird der englische Fußball dank des neuen TV-Vertrages noch mehr Geld zur Verfügung haben. Und wenn beispielsweise ein englischer Mittelklasse-Klub einen Mondpreis für Pierre-Michel Lasogga bieten würde, wird der HSV natürlich auch warten, pokern und hinauszögern, um aus dem Wahnsinnspreis einen Größenwahnsinnspreis zu machen. Und da man laut Peter Knäbel ja nicht mehr faxt, sollte der HSV auf jeden Fall schauen, dass die Internetverbindung stabil ist.