Fußball-Politik Zurück in die Zukunft

Ein Sponsorendeal mit China zeigt, wie Blatters alte Fifa fortlebt. Wenn sich die westliche Welt abkehrt, wendet sich die Fifa eben der östlichen zu.

Von Thomas Kistner

Die Fifa gibt sich ja nun gern den Anschein, als sei sie voll auf Reformkurs; fromme Compliance-Regeln hat sie sich verordnet. Was die wert sind, zeigt gleich der erste Sponsorendeal in der Ägide des Präsidenten Gianni Infantino: Wo nirgendwo mehr Blatter draufstehen darf, steckt so viel Blatter drin wie stets. Der chinesische Konzern Wanda wird Fifa-Topsponsor, das heißt: Die Muttergesellschaft eines wichtigen Fifa-Vermarkters wird zugleich Fifa-Geldgeber. Infantino findet, so ein Vertrag-Strickwerk genüge "höchsten Standards". Compliance nach Fifa-Art.

Wanda hat 2015 die Schweizer Rechteagentur Infront erworben, die für die Fifa unter vielem anderen auch das TV-Signal für die WM-Turniere produziert. Steil aufgestiegen im alten Geschäftsnetz ist Philippe Blatter, Neffe und Vertrauter von Sepp Blatter, der die Fifa über Jahrzehnte an den Abgrund führte und im Fokus von Strafermittlungen steht. Statt des alten Blatter, der vom Fifa-Sitz verbannt wurde, geht dort nun der junge ein und aus.

Wenn sich die westliche Welt abkehrt, wendet sich die Fifa eben der östlichen zu

À la Blatter: Die Muttergesellschaft eines Fifa-Vermarkters wird zentraler Fifa-Geldgeber. Gianni Infantino findet, der Vertrag genüge "höchsten Standards".

(Foto: Michael Buholzer/AFP)

Eingefädelt hat den Deal noch der alte. Als Sepp Blatter im Mai 2015 wiedergewählt wurde, führte Wang Lianlin, Wanda-Eigner und reichster Mann Chinas, sogar die Gästeliste des Fifa-Patrons an. Zur Rechten Philippes in Reihe eins platziert, durfte der Milliardär mitklatschen, als Blatter allen Protesten zum Trotz ins Amt gejubelt wurde. Tage später stellte er dieses zur Verfügung - offenkundig wollte er nur noch mal ins Chefbüro. Die Monate bis zur Eröffnung von Strafermittlungen und der Sperre durch das Ethikkomitee verbrachte Blatter damit, wichtige Dinge zu ordnen. Auf dem Zürichberg wurden in dieser Zeit ständige Besuche des Neffen registriert.

Deals auf Familienart sind eine Fifa-Spezialität. Wenn sich die westliche Welt abkehrt, wendet sich die Fifa eben der östlichen zu. In Partnern wie Wanda oder Putins Energiekonzern Gazprom sieht sie die Zukunft. Solche Partner nerven auch nicht mit Anstandsappellen wie mancher verbliebene westliche Topsponsor: Coca-Cola, Visa, McDonald's, Adidas. Unübersehbar sind die Zeichen der Zeit; Russland und Katar haben die WM bereits, China will die nächste. Das Turnier 2026 soll her, Staatschef Xi Jinping persönlich äußerte diesen Wunsch - auch an die Adresse des Herrn Wang. Der Milliardär arbeitet nun daran.

Steil aufgestiegen im alten Geschäftsnetz ist Philippe Blatter, Neffe und Vertrauter von Sepp Blatter als Präsident der Rechtagentur Infront.

(Foto: Wu Hong/dpa)

Dass Wanda über Infront auch Anteile am Ticket- und Hospitality-Partner der Fifa hält, der Match Hospitality AG, rundet das Paket ab. Deren Eigner, die mexikanischen Brüder Byrom, verfügen über eine affärenreiche Geschichte in jenem Schattenbereich des WM-Business, wo Milliarden fließen und keiner durchblickt. Jedenfalls bisher - nach SZ-Informationen hat die Schweizer Bundesanwaltschaft nun auch dies spannende Geschäftsfeld im Visier.

Langzeitsponsoring, TV-Signal, Ticket- und Hospitality-Geschäft unter einem Dach - lässt sich Compliance-Gerede besser entlarven? Der Weltverband wirft sich ein neues Gewand über, und Infantino äußert sich dazu, als hätte der Vorgänger den Text verfasst. Wanda hat sich jüngst auch mit 20 Prozent bei Atlético Madrid eingekauft. Daraufhin setzte ein Exodus chinesischer Talente nach Spanien ein, den die Fifa erst per Transfersperre stoppen konnte. Sieht so ein Wunschpartner aus? Klar, findet Infantino. "Das eine ist eine sportdisziplinäre Sache", erzählte der Fifa-Boss nach der Exekutivsitzung am Freitag in Zürich, "das andere eine kommerzielle."

Den großen Bluff illustrierte auch ein anderer Vorgang. Kenner haben am Donnerstag herzlich gelacht, als die Fifa in ihrer Jahresbilanz erstmals Blatters Salär offenlegte: Der Patron hat angeblich 3,6 Millionen Dollar kassiert. Das mag zutreffen für das (ohnehin bonusfreie) Katastrophenjahr 2015. Es führt aber stark in die Irre, solange nicht Blatters frühere Gesamtbezüge offengelegt werden. Nichts in der Fifa unterlag größerer Geheimhaltung als diese Vergütung, seit Blatter 1998 hauptamtlicher Präsident wurde. Zu Amtsantritt im September 1998 ließ er das Fifa-Finanzkomitee beschließen, dass nur dessen Chef Julio Grondona und sein Stellvertreter die Chefbezüge regeln dürfen. Dunkelmann Don Julio, der 2014 starb, wird von Argentiniens Bundesanwalt verdächtigt, eine dreistellige Millionensumme weggerafft zu haben. Der Stellvertreter hieß Jack Warner und ist der Hauptakteur im aktuellen Fifa-Sumpf. Auch gegen Blatter laufen Ermittlungen, weil er Warner TV-Rechte für 600 000 Dollar zugeschanzt hatte, aus denen der karibische Handaufhalter bis zu 20 Millionen Dollar Gewinn schürfen konnte. Wohl dem, der seine Aufpasser so verwöhnt.

Was hat Blatter in der Fifa wirklich abgeräumt? Schon 2002 war nur für sein Präsidentenbüro ein Betrag von 9,7 Millionen Franken ausgewiesen. Stets hat die Fifa seine Bezüge in einem Topf mit allen Ausgaben für Exekutivmitglieder und Direktoren kaschiert. Im Jahr 2014 waren das 39,7 Millionen Dollar. Nach Abzug aller Ausgaben für Vorstand und Direktoren blieben 25 Millionen übrig, die sich auf Präsident und Generalsekretär verteilten. Diesen Betrag exakt aufzuschlüsseln, wäre ein Akt echter Transparenz.