Fußball-Nationalmannschaft Die Schrittmacher

Bundestrainer Joachim Löw versucht, seinen Kader unter Spannung zu halten. In der Nationalmannschaft gibt es keine Kaderauffüller mehr, sondern nur noch Spieler, die andere unter Druck setzen.

Von Christof Kneer

Im Online-Shop von Günter Hermann gibt es im Moment eine schicke schwarze Sporttasche zu kaufen und natürlich massenhaft Werder-Trikots. An der Qualität der Ware ist nicht zu zweifeln, wie der Slogan auf der Homepage verrät: "Kompetenz eines Weltmeisters". Günter Hermann, wer es nicht mehr weiß, ist jener Bremer Fußballer, den der Teamchef Beckenbauer 1990 mit einem einleuchtenden Argument ins WM-Aufgebot berief: Er musste den Kader vollkriegen.

Kein Kaderauffüller, sondern Schrittmacher: Abwehrspieler Heiko Westermann.

(Foto: Foto: dpa)

Aus ähnlichem Grund schaffte es auch der 33-jährige Kölner Paul Steiner ins Aufgebot, er war Libero und sollte im Notfall für Klaus Augenthaler einspringen. Der Notfall kam dann doch nicht, was Steiners Länderspiellaufbahn recht überschaubar gestaltete. Ein Jahr später beendete er seine Karriere, mit einem einzigen Länderspiel. Und Günter Hermann hat bis heute mehr Sportgeschäfte (drei) als DFB-Einsätze (zwei).

Der Kaderauffüller hat lange Zeit eine wichtige Rolle gespielt im deutschen Fußball. Es handelte sich hierbei um eine Sorte Profi, die bei einem Turnier nicht unbedingt gebraucht wurde, was dieser Sorte Profi aber meist nicht viel ausmachte. Die Sorte gab Ruhe, sie war froh, dass sie dabei war, und im Idealfall darf sie sich bis heute Weltmeister nennen, wie Hermann und Steiner, die 1990 keine Sekunde spielten. Heiko Westermann und Piotr Trochowski dürften sich auch Vize-Europameister nennen, wenn es diesen Titel gäbe, aber es gibt vorerst keinerlei Anzeichen dafür, dass sie bald ihre Karrieren beenden und Sportgeschäfte eröffnen werden.

Fordernde junge Spieler

Der Schalker Westermann, 25, hat bei der EM keine Sekunde gespielt und wird beim Qualifikationsspiel in Finnland den Abwehrchef geben; und vom Hamburger Trochowski, 24, bei der EM ebenfalls keine Sekunde eingesetzt, wird erwartet, dass er mit Philipp Lahm zusammen die linke Seite hinaufflitzt und wieder das eine oder andere Tor vorbereitet. "Ich habe mit Joachim Löw noch nicht gesprochen, aber ich gehe davon aus, dass ich von Anfang an spielen werde", sagte Trochowski am Montag.

Darf ein Spieler, der erst 14 Länderspiele hat, so etwas sagen? Darf ein Spieler, von dessen 14 Länderspielen zwölf bestenfalls durchschnittlich waren, so fordernd auftreten? Antwort: Er darf nicht nur, er soll sogar. Zum einen lagen die Länderspiele 13 und 14 weit über dem Durchschnitt, aber vor allem passen solche Aussagen zum Plan, den Löw für seinen Kader entwickelt hat. "Der Trainer hat mir gesagt, dass jetzt mehr kommen muss", sagt Trochowski. Unter dieses Thema hat der DFB die Dienstreisen nach Liechtenstein und Finnland gestellt: Außer Punkten wollen die Trainer "vor allem von jenen Spielern was sehen, die sich bei der EM nicht oder nicht so zeigen konnten", so Assistent Hansi Flick.