Von Philipp Selldorf

Vor dem Test gegen Südafrika muss die Nationalelf feststellen, dass sie zurzeit keine Attraktion ist - und sich für die wohl entscheidende Oktober-Reise nach Moskau einspielen.

Je näher das Länderspiel rückt, desto mehr freut sich Michael Ballack darauf, und je mehr er über diese offenkundig riesengroße Freude redet, um so kleiner wird das Länderspiel, über das er nicht spricht. Die Partie, die Michael Ballack meint, ist das mutmaßlich entscheidende Duell um die WM-Zulassung mit Russland in Moskau am 10. Oktober, es ist zwar erst das überübernächste Länderspiel, aber der Kapitän der Nationalmannschaft könnte jetzt schon stundenlang davon schwärmen.

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Die Nationalmannschaft (im Bild Bundestrainer Joachim Löw und Kapitän Michael Ballack) hat schon länger nicht mehr überzeugt. (© Foto: dpa)

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Solche Herausforderungen, sagt er, "die braucht man einfach als Fußballer, die sind enorm wichtig, daran kann man wachsen". Viel fehlte nicht, und er hätte einen historischen Exkurs ins Jahr 2001 unternommen, als die Nationalelf unter Rudi Völlers Regentschaft die letzten Tage des deutschen Fußballs kommen sah. Die dann zum Glück doch nicht kamen, weil im Kampf um den WM-Startplatz in Asien die Ukraine besiegt wurde. "Ja", sagt der Zeitzeuge Ballack mit Blick auf den 10. Oktober, "man spielt schon mal mit dem Gedanken, dass wir wieder in die Relegation gehen müssen."

Zur nächstliegenden Partie, am Samstag in Leverkusen gegen Südafrika, fiel Ballack hingegen nicht so viel ein. Am Freitag hat er sich mit seinen Mitspielern einen Videofilm über Eigenheiten und Spielweise der Südafrikaner angeschaut, anschließend ließ er das Publikum höflich wissen, dass man sicherlich einen ordentlichen Gegner treffen werde. DFB-Trainer Hans-Dieter Flick kann nicht Ballack gemeint haben, als er erzählte, einige Spieler seien nach der Filmvorführung "sehr beeindruckt" gewesen von den Künsten ihrer Widersacher aus dem WM-Gastgeberland.

Flick belehrt, es sei noch Zeit genug, über das quasi finale Qualifikationsspiel in Russland zu sprechen, "man ist immer gut beraten, wenn man den ersten vor dem zweiten Schritt macht", stellt er eifrig fest und nimmt damit die Rede seines Chefs Joachim Löw auf, der sich zuletzt mehrfach beschwert hatte, dass ständig über das Match gegen Russland gesprochen wird. Andererseits dient in Wahrheit ja alles, was die Trainer in der Gegenwart unternehmen, der Einstimmung und Vorbereitung auf den großen Termin in Moskau, und insofern treffen sich Trainer und Kapitän zumindest auf Umwegen wieder.

Während Flick lobt, wie wichtig die gemeinsame Zeit in Köln vor dem Spiel gegen Südafrika für Training und Strategiebildung gewesen sei, betont Ballack die Notwendigkeit, in Leverkusen mal wieder "eine gewisse Unbekümmertheit, Leichtigkeit und Freude am Fußball" vorzuführen. Natürlich im Hinblick auf die Reise nach Moskau. "Zuletzt", sagt der 32-Jährige, "hat das alles etwas verkrampft gewirkt."

Wer nicht gerade beim DFB Gehalt oder Prämien bezieht, dem fällt es in der Tat schon schwer, den Krampf der vergangenen Monate korrekt zu memorieren. Welcher Fan weiß noch, dass die Nationalelf im Mai eine mäßig freudvolle Tour nach China und Arabien unternommen hat? Oder dass es im Februar ein Länderspiel gegen Norwegen gegeben haben soll, welches angeblich 0:1 verloren ging - die Zahl derer, die sich an diesen Riesenkrampf noch erinnern, dürfte ähnlich groß sein wie die Wählerschaft der Humanwirtschaftspartei (die übrigens für ein Wirtschaftssystem ohne Wachstumszwang eintritt).

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