Fußball nach dem Terror Schaut, wir spielen noch!

Lange Schlangen, aber keine weitere Gefahr: In Berlin ging alles sicher über die Bühne.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Das Stadion in Berlin gleicht beim Test gegen England einem Hochsicherheitstrakt - dass die Partie friedlich stattfindet, ist aber ein wichtiger Wegweiser zurück in den Alltag.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein, Berlin

Es ist ohnehin schwer geworden, einen passenden Ton zu finden. Und diese sehr komplexen Zeiten machen dies noch viel schwerer. Gerade dann, wenn einer glaubt, über die Ebenen springen zu können, Politik und Sport mit Ironie zu mischen, hat er aktuell schon fast verloren. Selbst einer, den sie im Land der Queen einen König nennen: Gary Lineker, der Fußball-Twitter-König von der Insel, hat für England so manches Tor erzielt (48) und manchen Tweet ins Ziel gebracht.

Aber sein Blitz-Dialog um eine Aussage von Teamchef Roy Hodgson vor dem Länderspiel-Anpfiff in Berlin ging leicht daneben. Hodgson hatte in Bezug auf den Terror von Brüssel übermittelt: "Wir haben Leute um uns herum, die sehr hart arbeiten, um sicherzustellen, dass wir sicher sind." Lineker meinte, anmerken zu müssen: "Ich denke, wir machen uns alle Sorgen um unsere Verteidigung."

Der Konter hätte Lineker schon an friedlicheren, angstfreieren Samstagen allenfalls ein schlaffes Hahaha eingebracht. In diesem Fall erntete er einen Shitstorm, was weder eine Kunst noch eine Trophäe ist. In einer Zeit, in der ein Stadionbesuch eine Mutprobe ist, weil sich auf dem Weg dorthin so viele schiefe, unschöne Bilder im Kopf entwickeln, lässt man das Ebenen-Hopping besser ruhen. Und zieht klar getrennt Bilanz. Damit zunächst zum Thema Fußball: Englands Hintermannschaft hat Linekers Sorgen nicht ausgeräumt, trotzdem ist das sportlich muntere 3:2 im Klassiker ein Resultat, mit dem die Engländer ihre Vorbereitung auf die EM im Juni in Frankreich zuversichtlich fortsetzen können. Sportliche Sorgen um die Verteidigung mussten sich am Ende des Abends eher die Deutschen machen.

Bis zum Abpfiff: keine besonderen Vorkommnisse!

Und damit zum Thema Sicherheit: bis zum Abpfiff keine besonderen Vorkommnisse! Nach der Absage des Länderspiels in Hannover, das im November unmittelbar nach dem Terror von Paris hätte stattfinden sollen, hat dieses Land vier Monate später ein Testduell vor einer aus Brüssel übermittelten Drohkulisse zu Ende gebracht. Es hat kurz die Debatte geführt, ob man spielen kann, ob man spielen darf, aber eigentlich nie einen Zweifel daran gelassen, dass man spielen muss. Als Geste, als Demonstration, sonst hätte der Terror schon gewonnen.

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Ein kleines bisschen hat er das natürlich, jedenfalls für den Augenblick. Die Anreise zum Olympiastadion war eine Reise in einen Hochsicherheitstrakt. Ein Weg vorbei an 1500 Polizeikräften, gekoppelt mit langen Schlangen vor den Einlasskontrollen, vor der Passage der Körperscanner. Das ist kein Rahmen für hemmungslose Jubelszenen, das muss er auch nicht sein. Wer zum Stadion ging, der wusste, dass er Teil eines Experiments, einer Sicherheitsübung ist: Schaut her, wir spielen noch! Wir schauen live zu, werden es weiter, demnächst hoffentlich auch in Frankreich, wo bereits eine Debatte darüber begonnen hat, ob man bei einem akuten Bedrohungsszenario die EM ohne Publikum in den Arenen spielen soll.

"Shut up!" - ein starker Kurz-Kommentar

Wie bewegend der unmittelbare Dialog im Stadion sein kann, zeigte sich bei der Schweigeminute vor dem Anpfiff. Der Stadionsprecher sprach zuvor davon, dass man "dem Terror nicht das Spielfeld überlassen dürfe". Anschließend wurde es sehr still, nur einige wenige lärmten. Ein einzelnes, deutlich vernehmbares "Shut up!" kam aus der englischen Kurve. Ein starker Kurz-Kommentar in diesen aufgewühlten Tagen.

Wie schwer es ist, für Großveranstaltungen die Verantwortung zu übernehmen, hatte Innenminister Thomas de Maizière im November bei der Absage in Hannover offenbart. Damals trat er ans Mikrofon in der Absicht, die Öffentlichkeit zu beruhigen, und sagte diesen Satz: "Ich möchte mich zu den genauen Hinweisen nicht äußern. Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern." 71 413 durch diese vage Nachricht erst recht Verunsicherte sahen nun in Berlin zu - im vollen Wissen darüber, dass das ein außergewöhnliches Fußballspiel ist.

Dass man sich am Ende, in den U- und S-Bahnen auf dem Weg nach Hause, dann doch in relativer Ruhe über die Fehler der englischen Viererkette vor dem 0:1 von Toni Kroos unterhalten konnte, oder das herrliche Hackentor von Jamie Vardy zum 2:2, vermittelte dem Fußball-Klassiker einen tieferen Sinn. Es war zumindest ein Wegweiser zurück in den Alltag, der sich im großen Stadionsport verändern wird.

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