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Bei Frauenfußball-Bundesligist Turbine Potsdam trainieren plötzlich zwei hochbegabte 15-jährige Nordkoreanerinnen. Öffnet sich das abgeschottete Land mit der bizarren Staatsideologie?
Nordkorea ist immer wieder für eine Überraschung gut. Die kommunistische Diktatur macht neben ihrem Atomwaffenprogramm gerne auch im sportlichen Bereich Schlagzeilen: Zuletzt warf man dem südkoreanischen Nachbarn nach einer 0:1-Niederlage im WM-Qualifikationsspiel vor, die nordkoreanische Mannschaft vergiftet zu haben.
Taucht plötzlich in Potsdam auf: Jon Myong Hwa, eine von zwei nordkoreanischen Fußballspielerinnen.
(Foto: Foto: AP)Den rätselhaften Schlagzeilen werden weitere folgen, denn wie die Tageszeitung taz heute berichtet, sind seit Freitag zwei 15-jährige Spielerinnen aus dem abgeriegelten kommunistischen Staat in Potsdam zu Besuch - beim erfolgreichen Frauen-Klub 1. FFC Turbine Potsdam. Es ist der erste professionelle Auslandsaufenthalt außerhalb eines Turnieres von Sportlern aus der kommunistischen Diktatur. Und niemand weiß, wie und warum der Besuch zustande gekommen ist.
Jon Myong Hwa und Kim Un Hyang sind der Fachwelt als Ausnahmespielerinnen des nordkoreanischen U17-Teams bekannt. Die Mannschaft wurde im November 2008 Weltmeister.
Dementsprechend erfreut sind die Potsdamer über ihren Besuch. Eifrig hat man bereits DVD-Aufnahmen mit den beiden Spielerinnen gesichtet. Obwohl die beiden Mädchen kein Deutsch oder Englisch sprechen, seien sie bester Dinge, sagt Turbine-Geschäftsführer Mathias Morack. Zwei Betreuer reisten zusammen mit den Mädchen an. Einer davon lebt seit vielen Jahren in Köln und spricht daher gut Deutsch.
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Allerdings ist nicht nur in fußballerischer, sondern auch in kommunikativer Sicht ein bisschen Nordkorea nach Potsdam geschwappt: Wie der Besuch überhaupt zustande kam, will in der Landeshauptstadt niemand genau erklären. Egal mit wem man spricht - wer die Verhandlungen führte, erfährt man nicht. Überhaupt hätte man es in Potsdam am liebsten, wenn über den Besuch der Mädchen gar nichts geschrieben würde. Nur eines ist sicher: Bemüht haben sich die Turbine-Manager um den Besuch nicht, sie wurden von dem Angebot überrascht. Eine größere Rolle bei der Kontaktaufnahme soll der Kölner Exil-Nordkoreaner gespielt haben, der jetzt auch als Betreuer und Übersetzer in Potsdam ist.
Der Besuch der Spielerinnen könnte politisch motiviert sein, sagt Werner Pfennig, Nordkorea-Experte vom politikwissenschaftlichen Institut der Freien Universität in Berlin. "Da die Ausreise legal erfolgt ist, ist der Besuch eine offizielle Angelegenheit, der ein hochrangiges Regierungsmitglied zugestimmt haben muss", sagt Pfennig. Die beiden Ausnahmetalente könnten abseits sämtlicher politischer Streitpunkte das Bild der Diktatur im Westen verändern.
"Die Nordkoreaner haben nur wenig Möglichkeiten zur Außendarstellung", sagt Pfennig. "Aber ihr Bild im Ausland ist ihnen nicht immer egal." Der Experte schätzt den Besuch nicht nur als PR-Maßnahme ein, sondern auch als Test der nordkoreanischen Regierung, wie sich die Spielerinnen in einem "vollkommen anderen Umfeld" entwickeln.
Was zwei Spieler und ein Ball ausmachen können, dürfte spätestens seit der Tischtennis-Weltmeisterschaft im Jahr 1971 in Japan, auf der sich chinesische mit amerikanischen Spielern anfreundeten, klar sein. Die als Ping-Pong-Diplomatie berühmt gewordene Strategie war einer der Pfeiler der Annäherung zwischen den USA und China in den siebziger Jahren.
Die Potsdamer selber sind sich alles andere als sicher, was die Beweggründe der Nordkoreaner, mögliche Folgen und weitere Optionen des Besuchs betrifft. "Es gibt wohl Interesse an längerer Zusammenarbeit zwischen uns und den Mädchen von Seiten der Nordkoreaner", formuliert Sprecherin Nadine Bieneck vorsichtig. Doch anders als in der taz zu lesen war, stünde man "überhaupt nicht" kurz vor einer Verpflichtung der beiden Mädchen. "Das Ganze ist nichts als ein Besuch, um sich mit den Gegebenheiten vor Ort bekanntzumachen", glättet Geschäftsführer Morack die Wogen. Gleichzeitig betont er jedoch: "Auch von unserer Seite gibt es Interesse an den beiden Mädchen."
Wie Transfer und Vertrag im Fall des Falles aussehen könnte, sei noch "vollkommen unklar", sagte Morack. "Det jeht ja gar nüscht so schnell." Bei Mädchen unter 16 Jahren erschweren Fifa-Regeln internationale Transfers außerhalb der EU deutlich.
Beim Fußball-Weltverband wertet man die Entwicklungen zwischen Nordkorea und Potsdam indessen als "interessante Entwicklung". Die nordkoreanischen Frauenmannschaften seien bereit fürs internationale Geschäft, sagte ein Fifa-Sprecher. "Das sind sehr, sehr gute Teams." Zuletzt habe die U17-Mannschaft 2:1 gegen die USA gewonnen.



