Fußball König Johans Geschenk an die Fußballwelt

Johan Cruyff als Trainer des FC Barcelona im Jahr 1996

Johan Cruyff war mit der Taktik des "Voetbal Totaal" seiner Zeit weit voraus. Bayern-Trainer Guardiola profitiert von den Ideen des Niederländers.

Von Martin Schneider

Wenn Menschen ihrer Zeit voraus sind, merkt man das meist viel zu spät. Wenn jemand eine Idee hat und sagt: "Das wird die Zukunft sein", müssen wir eben warten, bis die Zukunft eingetreten ist um herauszufinden, ob er ein Schwätzer war. Oder ein Genie. Von den 70er Jahren aus gesehen ist jetzt die Zukunft und Johan Cruyff hat damals zusammen mit seinem Trainer Rinus Michels die Zukunft des Fußballs geformt. Was Pep Guardiola beim FC Bayern heute praktiziert, sind im Grunde Gedanken von Johan Cruyff, nur mit besseren Spielern und besseren Möglichkeiten.

Es begann 1965 als Rinus Michels Trainer von Ajax Amsterdam wurde. Michels war Spieler unter Jack Reynolds, der 30 Jahre lang Coach bei Ajax war und der schon damals eine andere Idee des Spiels hatte als der Rest der Welt. Michels erfand auf der Basis von Reynolds den "Voetbal Totaal", ein völlig neues Konzept des Fußballs. Und Johan Cruyff war der Spieler, der es am besten verstand und am besten umsetzte.

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Spielverständnis ist wichtiger als Physis

Es ging darum, Fußball als Ganzes zu begreifen. Keine Abwehr, kein Sturm, keine Manndecker mit Sonderaufgaben. Eine Mannschaft spielte als ein Gebilde, als ein großer Schwarm. Spieler sollten die Positionen wechseln und prinzipiell alles können. Statt des gegnerischen Stürmers wurde der (freie) Raum gedeckt. Die Spieler sollten flach spielen, denn nur der Flachpass sei wirklich präzise. Cruyff und Michels entwickelten das Pressing und die Abseitsfalle. Sie wollten schlauer spielen als der Rest. "Was ist Schnelligkeit? Oft verwechselt der Sportler Schnelligkeit mit Überblick. Sieh' mal, wenn ich eher loslaufe als ein anderer, dann schaue ich schneller", sagte Cruyff einmal. Das Verständnis des Spiels ist also wichtiger als die Physis.

Es gibt eine Passage aus einem Buch über Cruyff des Fußball-Historikers Dietrich Schulze-Marmeling. Er zitiert Barry Hulshoff, einen Mitspieler von Cruyff, der die Vorgaben erklärt. "Cruyff hat immer darüber gesprochen, welche Räume die Spieler besetzen sollten, wo sie stehen sollten, wo sie sich nicht bewegen sollte. Es ging immer darum, Räume zu schaffen und in Räume zu starten. Es ist wie Architektur auf dem Feld. Jeder Spieler musste die Geometrie des ganzen Feldes und das Spielsystem als Ganzes verstehen."

Cruyffs Taktik der "weißen Schuhe"

Das sind im Prinzip die Aspekte, nach denen eine erfolgreiche Fußballmannschaft heute agiert. Räume suchen, Räume finden, Räume ausnutzen. Das Positionsspiel unter Pep Guardiola ist eine direkte Folge dieser Gedanken. Positionsspiel bedeutet: Die Spieler halten bei Ballbesitz die Position auf dem Platz. Sie rücken nicht etwa in die Mitte, um besser anspielbar zu sein, sondern bleiben zum Beispiel auf den Außen, um die ganze Breite des Spielfeldes zu nutzen. Cruyff nannte das die "Taktik der weißen Schuhe". Weil Fußballschuhe in den 1970er noch schwarz waren und die Spieler sich so weit außen positionieren sollten, dass die Schuhe durch die Kreide der Außenlinie weiß werden.

Der zweite Aspekt ist das radikales Gegenpressing seiner Mannschaften nach eigenem Ballverlust. Wer den Ball verliert, läuft nicht nach hinten, sondern nach vorne. Der Gegner wird direkt unter Druck gesetzt und soll den Ball idealerweise schon nach wenigen Sekunden wieder verlieren. "Wenn wir den Ball haben, können die anderen kein Tor schießen", fasste Cruyff das System mal flapsig zusammen - ein Satz, der in die Geschichte einging. Pep Guardiola arbeitet im Grundsatz - ob bei Barcelona oder beim FC Bayern - nach diesen zwei Prinzipien. Positionsspiel und radikales Gegenpressing. Die absurd hohen Ballbesitzwerte seiner Mannschaften sind eine direkte Folge dieser Strategie.

Pep Guardiola war Cruyffs Ansprechpartner auf dem Platz

Das Gegenteil dieser Philosophie ist der Catenaccio, der italienische Riegel, der Fußball nicht spielen und dominieren, sondern verhindern will. Prominenter Anhänger dieser Art des Fußballs ist heute noch José Mourinho - und es ist kein Zufall, dass ihn und Pep Guardiola eine herzliche Abneigung verbindet. Auch mit Cruyff hätte sich Mourinho nicht gut verstanden.

Cruyff und sein Ziehvater Rinus Michels gewannen mit Ajax dreimal den Europapokal der Landesmeister. In den 80er Jahren griff der Italiener Arrigo Sacchi die Ideen auf, perfektionierte etwa die Viererkette und prägte mit dem AC Mailand eine Ära. Nach seiner Zeit in Amsterdam hatte Cruyff in Katalonien seinen Stil als Trainer perfektioniert. 1992 gewann er den Europapokal der Landesmeister - mit dem Spieler Pep Guardiola. Carles Rexach, der damals mit Cruyff bei Barcelona arbeitete, beschrieb das taktische Verständnis so: "Wir ließen uns einen Plan einfallen und erklärten diesen den Spielern. Wenn diese dann gegangen waren, riefen wir Pep Guardiola herbei und sagten ihm: 'In der 20. Minute werde ich dir ein Signal geben, und du wirst auf die andere Taktik umschalten.'" Wenn Guardiola heute Philipp Lahm während eines Spiels auf drei Positionen spielen lässt, dann auch, weil es ihm Cruyff schon 1992 vorgemacht hat.

La Masia wurde nach Cruyffs Ideen konzipiert

Die berühmte Jugendakademie des FC Barcelona La Masia arbeitet nach den Vorgaben Cruyffs. Kein Krafttraining, keine Dauerläufe. Alle Übungen werden mit dem Ball gemacht. Lösungen auf engstem Raum finden, das ist das Ziel. Xavi und Iniesta sind die erfolgreichsten Schüler dieses Lehrplans.

Cruyff und Michels hatten die Architektur des modernen Fußballs schon 1970 begriffen. Das ist vielleicht sein größtes Vermächtnis. Warum hat sich das System Cruyff aber nicht schneller durchgesetzt? Deutschland spielte etwa bei der WM 2002 noch mit Manndeckern und wurde - im Gegensatz zu Cruyffs Niederländern - 1974 und 1990 Weltmeister?

Hans Meyer, ein großer Bewunderer von Cruyffs Arbeit, sagte einst im SZ-Interview dazu: "Die Idealvorstellungen von Cruyff sind nur mit entsprechender fußballerischer Klasse zu verwirklichen." Johan Cruyff hatte sie auf dem Platz, andere Spieler zu diesen Zeiten nicht. Aber auch das hinderte ihn nicht daran, an seine Idee zu glauben. Nun, in der Zukunft, kann man sagen: Johan Cruyff hatte Recht.

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