Von Christof Kneer

Eine erstaunliche Karriere: Gerhard Poschner wird Generaldirektor in Saragossa - und ist der erste deutsche Sportchef in einer führenden ausländischen Liga.

Gerhard Poschner ist neu hier, es ist sein erstes Spiel in einem fremden Land, und er will den Leuten im Stadion zeigen, dass man den Neuen aus Deutschland gut gebrauchen kann. Unbedingt will er diesen einen Ball erkämpfen, er übersieht dabei ein Loch im Rasen, knickt um - und bricht sich den Fuß. Zehn Minuten später wird das Spiel zwischen dem AC Venedig und dem FC Empoli wegen Nebels abgebrochen.

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Gerhard Poschner (rechts, mit Fredi Bobic) zieht demnächst von Löchgau/Kreis Ludwigsburg nach Saragossa und wird Generaldirektor des spanischen Erstligisten. (© Foto: AP)

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Es gibt Fußballer, denen hätte so ein Tritt ins Rasenloch das Ausland ein für allemal abgewöhnt. Poschners Italien-Reise war an diesem 6. Januar 1999 zu Ende, bevor sie richtig begann, und natürlich hätte man daraus folgern können, dass man in der heimischen Bundesliga doch am besten aufgehoben ist. Wenn man sich dort mal verletzt, dann verletzt sich wenigstens der gestandene Bundesligaprofi Gerhard Poschner, der danach wieder an seinen angestammten Platz zurückkehren darf. In Venedig war Poschner nur ein Legionär, der die Erwartungen enttäuschte, und er kehrte nie mehr zurück.

Eine Art historische Figur

Nun ist Poschner, 39, wieder zum Legionär geworden, aber er ist ein Legionär neuen Typs. In dieser Woche wurde er zum Generaldirektor des spanische Erstliga-Aufsteigers Real Saragossa ernannt, Poschner ist jetzt ein Funktionärs-Legionär und somit eine Art historische Figur. "Mir ist zumindest kein vergleichbarer Fall bekannt", sagt Poschner. Er dürfte der erste Deutsche sein, der in einer führenden ausländischen Liga den Sportchef gibt - wobei Sportchef noch eine Untertreibung ist. Saragossa hat ja schon einen Sportdirektor, ebenso einen Finanz- oder Marketingdirektor - aber sie alle unterstehen ab sofort Poschner, der seinerseits nur dem Mehrheitseigner Agapito Iglesias untersteht. "In Spanien gibt's keine Räte oder Gremien, da gibt's nur den Klubchef", sagt Poschner, "entweder der macht alles selber oder er setzt einen ein, der für ihn den Chef spielt." Den Chef spielt ab sofort Gerhard Poschner.

Popstar Poschi

Auf den ersten Blick ist das eine verblüffende Karriere für einen Mann, den Deutschland fast vergessen hatte. Wer alt genug ist, erinnert sich noch an den Popstar Poschi, den Stuttgart Ende der Achtziger als Nachfolger des Popstars Hansi Müller vereinnahmte. Dieser Poschi hat eine beachtliche Karriere hingelegt, er wurde DFB-Pokalsieger mit dem VfB (1997), er stand mit Stuttgart und Dortmund in drei Europapokal-Endspielen (die er alle verlor). Vielleicht ist diese Karriere am Ende aber doch etwas zu klein geraten für diese große Begabung, aber Poschner hat seinen Frieden gemacht mit ihr. Im Gegensatz zum öffentlichen Klischee war dieser Spieler ja immer mehr als der Popstar Poschi: Er war schon immer ein neugieriger, vielfältig interessierter junger Mann, der sich die aufgeregte Branche mit einem distanzierten, manchmal ironischen Blick zurechtrückte.

Es dürfte dem alten Schrägdenker gefallen, dass gerade er, dem Deutschland irgendwann zu eng wurde, nun in Spanien den Deutschen geben soll. Er wolle "die deutschen Tugenden nach Spanien bringen", sagt er amüsiert - "es ist ja ein offenes Geheimnis, dass es in dieser Liga mit den Finanzen nicht zum Besten steht, aber solange ich das Sagen habe, wird es keine verrückten Sachen geben." Wenn der Sportdirektor also mit einem Spielerwunsch in Poschners Büro aufkreuzt, kann sich er sich schon mal darauf einstellen, dass er den Spieler nur bekommt, "wenn ich am Tag der Vertragsunterschrift weiß, dass ich den Spieler die gesamte Vertragslaufzeit bezahlen kann".

Wer Poschner in seinen Stuttgarter Tagen aus den Augen verloren hat, mag sich wohl wundern über den ausdrücklichen Führungsanspruch jenes einst als verzärtelt geltenden Spielmachers. Und später ist Poschner einem ja nur noch im Kleingedruckten begegnet, als Spieler in Spanien (Vallecano, Eijdo) und beim TSV 1860; oder als Spielerberater, der in Zeitungsartikeln maximal noch einen halben Absatz abbekam (beliebiges Archivbeispiel: "Giovane Elber wolle noch zwei Jahre Bundesligafußball spielen, sagte Gerhard Poschner als Vertreter von Elbers Agentur Stars & friends").

Bei näherem Studium seiner Karriere entdeckt man aber einen Mann, der mit jedem Tag ein bisschen mehr Chef wurde; einen Mann, der als Spieler mit den Jahren vom flatterhaften Zehner zum umsichtigen Sechser reifte; einen Mann, dem auch der Spielerberaterjob schnell zu klein wurde. Vor zwölf Monaten kündigte er bei seiner Agentur und verordnete sich ein Übergangsjahr, in dem er alte Fäden abwickelte und neue aufnahm. Er hat freundschaftshalber noch ein paar Spieler betreut und gleichzeitig Real Saragossa als externer Berater zugearbeitet. So sind Saragossas Zugänge bereits Poschner-Personalien: Der Vertrag mit dem Nigerianer Uche lief ebenso über seinen Schreibtisch wie jener mit dem Engländer Jermaine Pennant; ein Spieler, der ihm besonders gefällt, weil er ablösefrei war.

Demnächst wird Gerhard Poschner mitsamt Schreibtisch umziehen, von Löchgau/Kreis Ludwigsburg nach Saragossa. Sein Frau wird ihn begleiten, sein ältester Sohn, knapp 18, bleibt in der Heimat. Er will in Stuttgart Sportökonomie studieren und später vielleicht Fußballmanager werden.

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(SZ vom 13.08.2009/thi)