Zwei aktuelle Beispiele zeigen: Der Krake der Mafia breitet sich im Fußball aus - und beschränkt sich dabei nicht auf den Süden. Der Präsident von Palermo versucht, dagegen anzukämpfen.
Das Derby des Südens war ein mitreißendes Match, das beste vielleicht an diesem vierten Spieltag der Serie A. Offensivfußball auf beiden Seiten, am Ende gewann der SSC Neapel gegen US Palermo 2:1. Ins Stadion San Paolo waren am Mittwochabend jedoch nur 25000 Zuschauer gekommen, die Kurven mussten leer bleiben auf Anordnung des Innenministeriums. Der SSC Neapel, Tabellenvierter und mit überbordender Spielfreude die sportliche Überraschung dieser Saison, hat Probleme mit seinem Anhang. Vor ein paar Wochen hatten Napoli-Ultras einen Intercity nach Rom gekapert und verwüstet. Unter den Krawallmachern waren 27 einschlägig Vorbestrafte: Kriminelle der neapolitanischen Stadtmafia Camorra.
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"Wir befinden uns im Bürgerkrieg" - Immer wieder kommt es in Italien zu Problemen mit den radikalen Ultras. (© Foto: AP)
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Gegen das Kurvenverbot protestierten später Neapels Ultras in T-Shirts mit der Aufschrift: "Wir sind alle vorbestraft". Das sah originell aus, und war doch nichts weiter als ein devoter Gruß nach oben. An die Paten, die in der Stadt und ihrem Umland derart Angst und Schrecken verbreiten, dass Innenminister Roberto Maroni feststellte: "Wir befinden uns in einem Bürgerkrieg." Napoli-Ultras waren auch an den Krawallen gegen Mülltransporte beteiligt - der Müll ist für die Bosse ein großes Geschäft.
Napoli-Ultras und Mafiosi aus Palermo
Wo die Mafia herrscht, kann der Fußball nicht draußen stehen. Das gilt auch für Palermo. Die Staatsanwaltschaft des sizilianischen Hauptortes hat zwei Mafiosi unter dem Verdacht festgenommen, die Klubführung der Unione Sportiva bedroht und erpresst zu haben. Giovanni Pecoraro, ehemals Verantwortlicher der Jugendmannschaft des Klubs und Marcello Trapani, Rechtsanwalt und nebenberuflich Spieleragent, sollen gegenüber US Palermo als Gesandte des Cosa-Nostra-Clans Lo Piccolo aufgetreten sein.
Die Lo Piccolo, deren Oberhaupt Salvatore in November 2007 nach 25 Jahren im Untergrund verhaftet wurde, waren besonders am Projekt eines neuen Stadions interessiert, das Klubpräsident Maurizio Zamparini im Palermitaner Stadtviertel Zen errichten will. Das Viertel Zen gilt als unbestrittenes Hoheitsgebiet des "Barone" Salvatore Lo Piccolo. Im Versteck des Paten fanden die Ermittler die handgeschriebene Notiz eines Unbekannten: "Ich habe Neuigkeiten über das Stadion." Im Auftrag Lo Piccolos sollen Pecoraro und Trapani die Klubführung systematisch unter Druck gesetzt haben, um den Bauauftrag für die neue Arena sowie Schutzgeld für die Nutzung eines bestehenden Trainingsgeländes einzufordern. Der frühere Arbeitgeber der beiden Wolfsburger Profis Andrea Barzagli und Cristian Zaccardo wurde offenbar auch gezwungen, die Mafiosi und deren Familien mit insgesamt 100 Gratis-Tribünenplätzen zu versorgen, schließlich sind auch die Paten Palermo-Fans. Und die Eintrittskarten waren eine Art Mafia-Steuer, ähnlich der, die in Süditalien Geschäftsleute und Wirte zahlen müssen.
Als Palermos früherer Sportdirektor Rino Foschi es wagte, sich den Forderungen zu widersetzen, schickten ihm die Mafiosi zu Weihnachten den abgeschlagenen Kopf eines Zickleins. Es habe sich dabei auch um ein Signal für Klubpräsident Zamparini gehandelt, gestand ein Kronzeuge der Staatsanwaltschaft. "Wir müssen Foschi immer schön klein halten", soll Trapani seinem Kumpanen Pecoraro in einem Telefonat gesagt haben.
Klubpräsident stemmt sich gegen Erpressung
Die beiden Handlanger des Paten hatten auch versucht, den von ihnen betreuten Spielern einen Stammplatz zu garantieren. Doch Zamparini, ein Unternehmer aus dem Friaul, der mit der Errichtung und dem Verkauf von Supermärkten reich und mit der Entlassung von 27 Trainern berüchtigt geworden ist, dachte gar nicht daran, sich dem Mafia-Terror zu beugen. Er kündigte zunächst Pecoraro, dann dem allzu entgegenkommenden Foschi. Mit dem ehemaligen Sportdirektor soll der Präsident laut Gazzetta dello Sport auch über den Verkauf einiger Spieler nahezu handgreifliche Auseinandersetzungen gehabt haben.
"Ich bin froh über das Ergebnis der Ermittlungen. Jetzt stellt sich heraus, dass Palermo ein sauberer Klub ist", sagte Zamparini nach dem Spiel gegen den SSC Neapel. Tatsächlich betont die Staatsanwaltschaft, Zamparini habe sich den Forderungen der Mafiosi nicht gebeugt, sondern, im Gegenteil, zweifelhafte Personen aus dem Klub entfernt. "Wir können nicht von einer Infiltrierung der Unione Sportiva Palermo reden", heißt es in einer Erklärung der Ermittler. "Cosa Nostra hatte an diesem Klub ein ähnliches Interesse wie an jedem anderen vergleichbaren Palermitaner Unternehmen." Dass die Erpressungsversuche ruchbar werden, hat auch mit einem veränderten Klima auf Sizilien zu tun, wo der Unternehmerverband alle Mitglieder, die Verbindungen zur Mafia pflegen oder auch nur Schutzgeld zahlen, ausschließen will.
Eine solche öffentliche Brandmarkung steht in Neapel noch aus. Die Camorra hatte unlängst gar versucht, sich mit Lazio Rom einen Erstligaklub einzuverleiben. Auch dort widerstand Klubpräsident Claudio Lotito den Einschüchterungsversuchen. Die Ultras, die mit der Camorra gemeinsame Sache machten, wurden verhaftet. Doch das Beispiel macht deutlich: Der Krake breitet sich im Fußball aus - und beschränkt sich dabei nicht auf den Süden.
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
(SZ vom 26.09.2008/JBe)
Totilas und sein Reiter
L'italia è un paese senza governo. Il calcio a perso tutta credibilità. Lasciamo essere contenti che Germania è ancora un po piu computabile.
Nozick spricht von Ultraminimalstaaten in Sizilien, nicht zentralregiert...
Man kommt aus dem Staunen nicht heraus! Da findet man in der Sz-Online Ausgabe einen Artikel von einer ausgewiesenen Fachfrau den italienischen Fußball betreffend, der es leider versäumt Spekulatives über den FC Bayern zu schreiben, der ferner leider darauf verzichtet legitimer Weise Fußballvereine aus dem Deutschen Westen zu kritisieren; ja, ein Artikel, der keinerlei sensationellen Interna von der Säbenerstraße enthält, sondern den Leser vielmehr mit Hintergrundinformationen zum internationalen Fußball verstört - und schließlich viel zu wenige Bindestriche enthält.
Was soll das? Liebe SZ, Sie überfordern Ihre Leserschaft! Das interessiert doch niemanden - viel zu kompliziert! So kann das nicht weitergehen!
Im Übrigen ist selbiger Artikel auch der Aufmacher der Online-Ausgabe des 11Freunde Magazins. Daher würde mich brennend interessieren, wer das redaktionell zu verantworten hat!