Fußball in Italien Das ruinierte Lieblingsspiel der Tifosi

Auch in tragischer Pose: Gabriel Paletta vom AC Mailand.

(Foto: AFP)

Fußball? Ist in Italien ziemlich von gestern. Die Politik geht auf Distanz, und Mailands Klubs gehören chinesischen Investoren. Wie konnte es so weit kommen?

Von Birgit Schönau, Rom

Die vermutlich letzte von 29 Trophäen in der Ära des Presidentissimo gewann der AC Mailand fern der Heimat am Tag vor Heiligabend in Doha. Nicht zum ersten Mal war die Hauptstadt Katars als Austragungsort für den Ligapokal ausgesucht worden, denn außerhalb von Europa ist das Ansehen des italienischen Fußballs nur leicht verblasst; entsprechend fließen die Petrodollars. Am Persischen Golf schlug Milan im Elfmeterschießen Juventus Turin, es war ein melancholisches Match. Nicht nur, weil der eigene Anhang aus ersichtlichen Gründen zu Hause geblieben war. Nach Katar, kurz vor Weihnachten - wer soll das bezahlen?

"Wir widmen diesen Sieg dem Präsidenten Berlusconi", verkündete am Ende Vincenzo Montella, der Milan-Trainer. Sag' zum Abschied leise Doha. Denn spätestens im Frühjahr wird es so weit sein: Silvio Berlusconi, von dem der Spruch überliefert ist, nur Kommunisten spielten defensiv, übergibt seine Associazione Calcio Milan an neue Herren, die nicht aus den stramm feudalistischen Golfstaaten stammen, sondern aus China.

200 Millionen Euro haben die Anwärter aus dem größten sozialistischen Land der Erde bereits an den strammen Antikommunisten in Mailand überwiesen, der weitere Yuan-Fluss ins kapitalistische Ausland bedarf noch staatlicher Genehmigung. Spätestens im März sollte auch diese erfolgen, und dann wird man schon sehen, welche taktischen Anweisungen künftig an den einstigen National-Torjäger Montella ergehen werden.

Debatten um RB Leipzig sind dagegen nur Schrebergarten-Geschnatter

Schon jetzt, so ist aus Mailand zu vernehmen, mischen die Chinesen auf dem Transfermarkt mit. Während der dreimalige Regierungschef Berlusconi vor allem aus wirtschaftlichem, aber auch aus politischem Kalkül zuletzt auf junge Italiener setzte, suchen seine Nachfolger erfahrene, internationale Kräfte. Leute, die einen Namen haben, der möglichst auch in China bekannt ist. Die neuen Milan-Bosse seien "echte Fans", versichert der scheidende Patron Berlusconi. Das kann man ungefähr so ernst nehmen wie seine Behauptung, schon jetzt seien 243 Millionen Chinesen Tifosi des AC Mailand. Jeder fünfte Chinese Milan-Fan - ja, wo bleibt denn da der Lokalrivale Inter? Seit dem Sommer schon untersteht der FC Internazionale Zhang Jindong vom Elektronikkonzern Suning, als Vizepräsident fungiert in Mailand Zhangs 25-jähriger Sohn Steven.

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Presidentino nennen sie ihn, denn Zhang tritt auf wie ein Student, mit Kapuzenpullover unter dem Jackett und schwarzer Nerd-Brille. Englisch spricht er schon, Italienisch lernt er gerade, auf jeden Fall ist der Suning-Junior ein präsenter Ansprechpartner. Bei Milan gibt es so jemanden noch nicht, und niemand weiß derzeit, wer es denn sein könnte. Von Berlusconis Verhandlungspartner ist nur bekannt, dass es sich um die Sino-Europe-Sports-Gruppe handelt. Namen kennt man nicht, nur das Gerücht, dass angeblich ein Staatsfonds dahinter steckt. Der Fußball ist in China neuerdings Staatsangelegenheit.

Was das betrifft, können die Chinesen von Berlusconi sehr viel lernen. Kein anderer Politiker weltweit hat den Fußball derart instrumentalisiert wie er.

Dass ausgerechnet Fußball-Mailand jetzt chinesisch wird, hat also durchaus seine groteske Logik. Die norditalienische Metropole war ja zuletzt in die Provinzliga abgestiegen, nun aber avanciert sie zum Versuchslabor für den ganzen Kontinent: Wie ernst meinen es die Chinesen mit ihren Investitionen? Werden sie in Europa weiter Personal für die aufstrebende heimatliche Liga akquirieren? Oder gleich noch einige europäische Traditionsklubs? Angesichts dessen, was in Mailand abgeht, sind deutsche Debatten um RB Leipzig nur Schrebergarten-Geschnatter.