Fußball in Italien: AC Mailand Berlusconi und das Ende der Walküren

Die Milan-Fans sind empört: Silvio Berlusconi lässt den AC Mailand wie ein altes Spielzeug fallen - sein Geld widmet er jetzt lieber jungen Frauen.

Von Birgit Schönau

Als Silvio Berlusconi vor 23 Jahren seine erste Milan-Mannschaft vorstellte, ließ er sie im Hubschrauber einfliegen und begleitet von Wagners Walkürenritt im Stadion landen. Zur Eröffnung des diesjährigen Sommer-Trainingslagers in Milanello am Montag- nachmittag konnte Berlusconi nicht erscheinen, schließlich hat er Gastgeberpflichten beim G-8-Gipfel in der Trümmerlandschaft der Abruzzen: vom Fußballpräsidenten zum Staatsmann und nicht zurück. Die Verwaltung der Milan-Ruine hat der Chef bei Zeiten seinem langjährigen Adlatus Adriano Galliani überlassen. Längst ist Galliani, der im Zuge des Manipulationsskandals von 2006 eine Sperre hinnehmen musste, mit seiner spiegelglatten Glatze, dem Haifischgrinsen und den immergelben Krawatten selbst eine Ikone.

Jetzt musste der ewige Vikar einige der bittersten Minuten seiner Laufbahn erleben. In Milanello nahmen ihn gut 300 Fans in Empfang. Stellvertretend, natürlich. Es hagelte Pfiffe, die Leute schrieen: "Schande! Schande!" und "Verkauft den Klub!", manche trugen Kaká-Trikots, einige warfen Feuerwerkskörper. Auf den Spruchbändern wurde Galliani ignoriert, sie richteten sich an Berlusconi: "Könner kaufst du nur vor den Wahlen!" - "Denke erst an Milan, dann an deine Interessen!" - "Raus mit deinen Millionen!"

Die Fans toben

Während draußen die Kundschaft tobte, versuchte drinnen der Stellvertreter, Haltung zu bewahren. "Das ist doch nur eine Minderheit unserer Fans", behauptete Galliani. Und der Einbruch beim Dauerkartenverkauf? Die Tatsache, dass es am ersten Tag bei Inter einen Ansturm gab und bei Milan sage und schreibe 15 Abos abgesetzt wurden? "Es gibt keinen Einbruch. Wir haben lediglich 20 Prozent weniger verkauft. 80 Prozent der Fans stehen hinter uns." Der Abschied von Kaká? "Der einzige Champion, auf den wir nicht verzichten können, ist Silvio Berlusconi. Mit ihm wird Milan immer Milan bleiben." Also spricht die Stimme seines Herrn.

Der Meister selbst hatte zuvor der Gazzetta ein Interview gegeben und sich wieder einmal als Champion im Krisenwegreden erwiesen. Einem wie Berlusconi, der die Weltwirtschaftskrise als Phantasieprodukt defätistischer Medien entlarvt hat und die eigene Ehekrise mit einer schier unübersehbaren Menge schöner Frauen einfach in die Ecke feiert, muss der Durchhänger seines Fußballklubs kleiner erscheinen als eine Aperitif-Erdnuss.

"Niemand in Italien hat eine so starke Mannschaft wie Milan", behauptete Berlusconi. "Noch nicht mal Inter. Unsere Anhänger wissen, dass sie uns vertrauen können. Wir haben große Könner wie Pato, Ronaldinho, Pirlo. Wir treten an, um alles zu gewinnen." Und zwar - in aller Bescheidenheit: "Ich denke da ein bisschen wie Michel Platini. Der Fußball muss wieder normaler werden. Wir kaufen nicht um jeden Preis."

Ausgerechnet Berlusconi will sparen

So klingt der Schlussakkord für den Calcio der Walküren wie Hohn in den Ohren der Fans. Ausgerechnet der steinreiche Berlusconi will, wie Uefa-Präsident Platini predigt, den Gürtel enger schnallen. Ausgerechnet er, der Italien in einen Zustand der Daueranomalie versetzt hat, redet von Normalität im Fußball. Derselbe Berlusconi, der als Regierungschef den Fußballpräsidenten allerlei Steuertricksereien ermöglichte, beklagt sich nun über die Steuervorteile der spanischen Konkurrenz.

Derselbe Mann, der als strammer Fünfziger und ehrgeiziger Unternehmer den Mailänder Traditionsklub übernahm, um ihn zum Aushängeschild seiner eigenen Macht und Größe aufzubauen - der lässt als 70-Jähriger sein altes Spielzeug fallen. Es interessiert ihn schlicht nicht mehr. Dass Silvio Berlusconi sich anderen Vergnügungen zugewendet hat, beschäftigt die Weltpresse wie die italienischen Bischöfe, die Sportgazetten schweigen aus gegebenem Anlass. Früher beschenkte der Boss seine Fans mit Ausnahmespielern und seine Fußballer mit teuren Autos und Uhren. Heute bedenkt er die jungen Frauen, die in Mannschaftsstärke und im vorgeschriebenen Trikot des kleinen Schwarzen zu seinen Abendessen erscheinen, mit selbst entworfenen Schmuckstücken - und vielleicht später mit einem Job im Fernsehen oder in der Politik.

Im Klub fühlen sich manche so verlassen wie Berlusconis zweite Ehefrau. Paolo Maldini, langjähriger Kapitän und Symbol der Mannschaft, machte beim Abschied seiner Enttäuschung über die Klubführung öffentlich Luft. Ohne Kaká könne Milan niemals die Champions League gewinnen, legte Maldini später nach. Auch andere Spieler wie Gennaro Gattuso und Massimo Ambrosini äußerten sich besorgt. Trainer Carlo Ancelotti, der mit Milan zwei Mal die Champions League gewann, ist zum FC Chelsea gewechselt. Ihn ersetzt der 39-Jährige Brasilianer Leonardo, ein ehemaliger Milan-Spieler, der aus dem Management auf die Bank gewechselt ist und keinen Hehl daraus macht, dass er nicht ewig Trainer bleiben möchte.

Verraten wie die zweite Ehefrau

Seinem Landsmann Ronaldinho verpasste der neue Coach schon beim ersten Training einen Schuss vor den Bug: "Wenn er spielen will, muss er seine Haltung ändern." Niemand ist bei Milan mehr unersetzlich, erst recht nicht, wenn er acht Millionen Euro netto verdient. Das musste auch Andrea Pirlo schlucken, nach Kakás Verkauf der einzige Star in Leonardos Team, nach Ronaldinho der zweite Topverdiener. Dass Galliani Pirlo liebend gern an Chelsea verkauft hätte, erfuhr der Spieler im Trainingslager mit der Nationalmannschaft. Der Handel kam bislang nicht zustande, ebenso wenig wie der Transfer des Wolfsburgers Edin Dzeko, um den Milan sich wochenlang bemüht hatte.

Mit dem Verkauf von Kaká schreibt der Klub schwarze Zahlen. Aber es ist kein Ersatz in Sicht. Der Holländer Klaas Huntelaar von Real Madrid erschien Galliani mit 20 Millionen Euro als zu teuer. Jetzt ist der Brasilianer Luis Fabiano vom FC Sevilla im Gespräch - zum Schnäppchenpreis, versteht sich. Am Ende dieser Saison würde er auch mit einem dritten Platz zufrieden sein, hat Adriano Galliani ungewohnt kleinlaut verkündet. Dass er damit seinem Chef zum ersten Mal widersprach, fiel schon niemandem mehr auf.

Im Klub der Teuersten

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