Fußball in Brasilien Gegen die Ausbeuter

Schulden, schlechte Zuschauerzahlen und gute Spieler, die nach Dubai oder China wechseln: Die Liga kriselt ein Jahr nach der WM - Sparprogramme sollen helfen.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Wie es dem brasilianischen Fußball geht? Prima, sagen die einen. Sicherlich, vor nicht allzu langer Zeit mag es eine kleine Durststrecke gegeben haben, die etwa 90 Minuten dauerte und an deren Ende es 7:1 für Deutschland stand. Andererseits: Man kann schon wieder stolz sein. Die Seleção ist seit der WM schließlich unbesiegt, da steht es insgesamt 20:2 für Brasilien. Vielleicht, so meinen die Optimisten, war die Schmach von Belo Horizonte ja doch kein Weltuntergang, sondern ein reinigendes Gewitter.

Es gibt aber auch eine wachsende Zahl von Beobachtern, nennen wir sie die Realisten, die dieses 7:1 eher als Symptom einer noch viel umfassenderen Krise interpretieren. Wer nicht nur die Entwicklung der Nationalelf, sondern auch die der brasilianischen Liga verfolgt, der muss zwangsläufig zum Realisten werden.

16 555. Das war der Zuschauerschnitt aller Erstligisten aus der vergangenen Saison. Wohlgemerkt: bei der ganz großen Show, bei der sogenannten Brasileirão, die auf nationaler Ebene ausgespielt wird und an diesem Samstag in die neue Spielzeit startet. Etwa die Hälfte des Jahres werden in Brasilien ohnehin nur Regionalmeisterschaften ausgetragen.

Im Bundesstaat Rio de Janeiro etwa, wo die vier Traditionsklubs Flamengo, Fluminense, Botafogo und Vasco da Gama seit 1967 jeden Titel unter sich aufgeteilt haben, lag der Zuschauerschnitt in der soeben beendeten Saison bei 4442 - etwa auf dem Niveau eines chinesischen Zweitligisten. Bloß dass chinesische Zweitligisten selten im Maracanã spielen.

Der brasilianische Offensivspieler Ricardo Goulart, 23, ist gerade in die erste chinesische Liga gewechselt, zu Guangzhou Evergrande. Er wird dort deutlich mehr Geld verdienen als bei seinem bisherigen Klub, Cruzeiro in Belo Horizonte, und wahrscheinlich werden ihm auch mehr Leute zuschauen. Die Brasilianer sind trotzdem etwas irritiert, dass so einer einfach nach China geht, und nicht wenigstens nach London, Barcelona oder Hoffenheim. Goulart gilt als eines der größten Talente im brasilianischen Fußball. Er hat Cruzeiro zuletzt mit 15 Toren zur Meisterschaft geschossen, Nationaltrainer Dunga will mit ihm 2018 die WM gewinnen.

Auch Éverton Ribeiro, 26, soll eine der Stützen beim Neuaufbau der Selecão werden. Er wurde zwei Jahre nacheinander zum wertvollsten Akteur der brasilianischen Liga gewählt und wechselte soeben von Cruzeiro zu Al Ahli nach Dubai. Dungas derzeit treffsicherster Stürmer, Diego Tardelli, 29, hat sich wiederum für China entschieden, er spielt jetzt bei Shandong Luneng. Knapp ein Jahr nach der WM hat der brasilianische Klubfußball mal eben drei seiner spannendsten Figuren verloren - an neureiche Fußballzwerge.

Das nagt. Und es stärkt auch nicht die Nachfrage nach Stadiontickets. Den brasilianischen Profiklubs aber bleibt gar nichts anderes übrig, als zu verscherbeln, was noch zu verscherbeln ist. Sie haben zuletzt etwas über ihre Verhältnisse gelebt und gemeinsam knapp zwei Milliarden Euro an Verbindlichkeiten angehäuft. Meister Cruzeiro hat für Ribeiro und Goulart immerhin 26 Millionen Euro eingestrichen und sein Defizit damit auf etwa 80 Millionen reduziert. Damit steht er im Landesvergleich fast schon als Streber da.

Die Bewegung "FC Vernünftig" fordert Sparprogramme und eine Reform des Spielplans

Größter Kreditgeber des Fußballs ist die Allgemeinheit. Die Erstligisten sind etwa 1,5 Milliarden Euro an Steuern säumig. Präsidentin Dilma Rousseff, die sich gerade mit harten Sozialeinschnitten unbeliebt macht, um ihren Staatshaushalt zu sanieren, will sich das nicht länger bieten lassen. Sie legte unlängst ein Gesetz vor, dass die Klubs dazu verpflichten soll, die Profigehälter zu deckeln, mehr in die Nachwuchsförderung zu investieren und vor allem: ihre Steuern nachzuzahlen.

Im Reich der Cartolas , wie die Funktionäre des nationalen Fußballverbands CBF heißen, ist das keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Kriegserklärung. Mit Blick auf die realen Machtverhältnisse im Land hat Rousseff den Vereinen daher eine großzügige Frist eingeräumt, um ihre Finanzen in Ordnung zu bringen: 20 Jahre. Financial Fairplay auf Brasilianisch.

Die CBF unter ihrem neuen (selbstredend korruptionsgestählten) Präsidenten Marco Polo Del Nero läuft dennoch Sturm. Sie spricht von einer "staatlichen Intervention". Schweinerei, dass der Fiskus jene Steuern einfordert, die ihm gehören! Ob es je so weit kommt, muss sich aber noch erweisen. Die Cartolas können im Parlament in Brasilia auf die Unterstützung der sogenannten Bancada da Bola ("Ballfraktion") zählen, einer parteiübergreifenden Gruppe von CBF-Lobbyisten.

Allerdings wächst der Einfluss der Cartola-Gegner, der Fußball wehrt sich gegen seine Ausbeuter. Die ehemaligen Nationalspieler Alex und Dida gründeten eine Bewegung namens Bom Senso FC (etwa: "FC Vernünftig"). Sie hat inzwischen mehr als 100 namhafte Mitglieder, darunter der ehemalige Bundesliga-Profi Zé Roberto, der mit 40 Jahren immer noch bei Palmeiras in São Paulo kickt. Bom Senso setzt sich vehement für Rousseffs Sparplan ein und fordert die Abschaffung des anachronistischen Doppelspielplanes mit regionaler und nationaler Meisterschaft.

Wenn am Wochenende die Brasileirão der größten Vereine beginnt, brechen für tausende von Profis und Halbprofis im Land die Monate der Arbeitslosigkeit an.