Mit seiner Offenheit überrascht DFB-Chef Theo Zwanziger beim 1. Fan-Kongress die skeptische Fanszene. Die Bundesliga glänzt weitgehend durch Abwesenheit.
Niemand krakelte, es gab keine Beschimpfungen, selbst die Kritik war relativ harmlos. Als die Pressekonferenz des ersten bundesweiten Fankongress am Sonntag in Leipzig zu Ende war, wirkte Helmut Spahn erleichtert. Der Sicherheitschef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) erlebte, gemessen an der Historie des Verbandes, ein harmonisches Wochenende. Es hatte Zeiten gegeben, da waren Fans in der DFB-Zentrale als Terroristen und Schmarotzer beschimpft worden. Als Antwort skandierten die Anhänger "Fußballmafia DFB". Wenn es eine Nachricht gibt, die den Kongress überdauern wird, dann jene, dass die hohen Herren an der Basis ihren Ruf verbessern konnten.
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Stadionverbot auf Bewährung
Verdanken können sie das vor allem ihrem Präsidenten Theo Zwanziger, der am Samstag in der Sportwissenschaftlichen Fakultät eine engagierte Eröffnungsrede gehalten hatte. Selten war ein DFB-Funktionär von den kritischsten Vertretern der Fanszenen mit so viel Applaus bedacht worden. Zwanzigers Appell verdeutlichte den Wandel in der Sicherheitspolitik des DFB. Er lieferte keine Neuigkeiten, er vermeldete keine Zusagen, er streute sogar die eine oder andere Phrase, aber er bot zumindest eins: Glaubwürdigkeit. Nachdem er im meistbesuchten Forum "Spannungsfelder" den Zorn über ungerechte Stadionverbote vernommen hatte, gestand er: "Es sind Dinge gesagt worden, die habe ich so noch nicht gesehen. Wir müssen eine gerechtere Lösung anstreben."
Die meisten Zuhörer waren überrascht. "Das war vor Jahren noch undenkbar", sagt Martin Endemann, Sprecher des Bündnisses aktiver Fußballfans (Baff). Zwanzigers Partner in der einstigen Doppelspitze des DFB, Gerhard Mayer-Vorfelder, hatte den Austausch mit Fanvertretern Jahre lang verweigert, weil er sich von ihnen missverstanden und beleidigt fühlte. Kurz nach dem Ausscheiden Mayer-Vorfelders im September 2006 lud Zwanziger die isolierten Initiativen nach Frankfurt ein. Er sicherte ihnen den Kongress zu.
"Diese neue Transparenz ist fast ein wenig unheimlich", stellt Philipp Markhardt fest, Sprecher der Initiative ProFans. Rund 420 Fans, Aktivisten, Sozialarbeiter, Klubvertreter, Wissenschaftler und Polizisten hatten in verschiedenen Foren über die Probleme der Fans diskutierten. Helmut Spahn, der erste hauptamtliche Sicherheitschef des DFB, kündigte die Einführung des Stadionverbots mit Bewährung und flexibler Dauer an, spätestens für die Rückrunde der kommenden Saison. Auch der Verein des Beschuldigten soll künftig ein Mitspracherecht erhalten, bislang entschied immer der Hausherr.
Man darf das zumindest als kleine Revolution bezeichnen. Spahn, ehemaliger Polizeichef in Hessen, gilt ebenso als Hardliner wie sein Vorgänger Alfred Sengle, der als Richter tätig war. Als Sicherheitsbeauftragter des Organisationskomitees für WM 2006 war Spahn mit den Fanvertretern nicht immer einer Meinung - in Leipzig präsentierte er sich dagegen als offener Gesprächspartner: "Das wir nicht immer einer Meinung sein können, ist auch klar."
Diese Annäherung täuschte nicht über die Versäumnisse hinweg. Die Deutsche Fußball Liga (DFL), Interessenvertretung der Profivereine, glänzte weitgehend durch Abwesenheit, als letzte Führungskraft musste Wolfgang Holzhäuser, der Präsident des Ligaverbandes, aus privaten Gründen absagen. Zuvor war es in der Organisation zwischen DFB und DFL zu atmosphärischen Störungen gekommen, das ist keine Neuigkeit zwischen beiden Verbänden. So wurde der Kongress zu einer DFB-Veranstaltung, an den Kosten in Höhe von rund 100.000 Euro beteiligte sich die DFL nur zu geringem Teil.
Es bleibt abzuwarten, ob allein der anerkannte Soziologe Thomas Schneider als neuer Fanbeauftragter das Bewusstsein in der DFL verändern kann. Sie hat eine Chance ausgelassen, ihren Ruf zu glätten. Ähnliches gilt für die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze in Düsseldorf (ZIS), die die umstrittene Datei "Gewalttäter Sport" verwaltet, und die Entscheidungsträger vieler Profiklubs. Auch sie hatten nicht genug Personal geschickt, um Missverständnisse auszuräumen.
Zweifelhaft bleibt, ob die vielen Bekundungen Wirklichkeit werden. Der in Leipzig verabschiedete Forderungskatalog für die Vergabe von Stadionverboten oder die Selbstverpflichtungserklärung gegen Rassismus sind Zeichen - keine Beschlüsse.
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