Fußball "Da hab ich dem Vater gesagt, er soll sich ein Bier holen"

"Wenn man über 40 Jahre pfeift, dann sieht man schon, was kommt": Schiedsrichter Martin Wagner, 87.

(Foto: oh)

Martin Wagner ist mit 87 Jahren einer der ältesten Referees in Deutschland. Hier spricht er über die aggressivere Stimmung auf den Plätzen - und erklärt, was einen guten Schiedsrichter ausmacht.

Interview von Julian Budjan

Dass Martin Wagner zum Schiedsrichter wurde, lag hauptsächlich an einer verlorenen Wette. 1974 war das. Wagner hatte getippt, Deutschland würde nicht Weltmeister, er lag falsch, und seine Wettschuld löste er ein, indem er sich kurz darauf zum Schiedsrichter ausbilden ließ. 43 Jahre später pfeift Wagner, langjähriger Schmiedemeister aus Mettendorf in der Eifel, immer noch. Jede Woche leitet er Fußballspiele in der Kreisliga, sein Arzt rät ihm schließlich, sich regelmäßig zu bewegen. Mit 87 Jahren ist Wagner einer der ältesten noch aktiven Schiedsrichter in Deutschland.

SZ: Herr Wagner, wie lange planen Sie, noch Schiedsrichter zu sein?

Martin Wagner: Ich habe mich nur noch mal für eine Saison verpflichten lassen, weil mein Heimatverein, der FC Mettendorf, einen Schiedsrichter zu wenig hatte. Nach dieser Saison mache ich aber Schluss, das steht fest. Dann bin ich fast 44 Jahre im Einsatz gewesen und habe wieder mehr Zeit, mit dem Wohnwagen nach Spanien zu fahren. Ich möchte nicht auf dem Platz stehen und die Vereine haben auf einmal den Notdienstwagen irgendwo am Spielfeldrand stehen - für den Fall, dass ich umkippe.

Da übertreiben Sie aber bestimmt.

Ich komme immer noch gut mit. Mit dem Atmen und dem Herzen habe ich keine Probleme. Ich fahre viel Fahrrad, gehe spazieren und schlage selbst im Wald Brennholz. Aber auch die Routine macht viel aus. Wenn man über 40 Jahre pfeift, dann sieht man schon, was kommt. Man braucht nicht immer fünf Meter hinter dem Ball zu sein, das ist sonst eher hinderlich für die Spieler.

Sie pfeifen jetzt seit mehr als vier Jahrzehnten. Was macht einen guten Schiedsrichter aus?

Wenn er bei 90 Prozent der Entscheidungen richtig liegt. Und natürlich auch der Umgang mit den Spielern. Dass er nichts alles so paragraphenmäßig auslegt, ab und zu ein bisschen Jux macht. Und den Spielern auch mal sagt: Den Ball hättest du aber ein bisschen früher abspielen können, dann wäre das Foul nicht passiert.

Und so was hilft im Spiel?

Ich habe mal in meinem zweiten Jahr ein A-Jugend-Spiel geführt. Ein Familienvater, dessen Sohn gespielt hat, stand an der Außenlinie und hat fast bei jedem Pfiff protestiert, den es gegen die Mannschaft seines Sohnes gab. Da habe ich ihm zwei Mark in die Hand gedrückt, die ich für die Platzwahl in der Tasche hatte, und zu ihm gesagt, er soll sich ein Bier holen gehen. Das hat er dann auch getan, und ich war die Meckerei los. Nach dem Spiel kam seine Frau zu mir und sagte: Mensch Schiedsrichter, das hast du aber gut gemacht.

Das kommt wahrscheinlich öfter vor, dass ehrgeizige Eltern den Schiedsrichter verbal angehen.

Ja, das ist heute keine Seltenheit mehr. Die sehen im Fernsehen, wie die Bundesligaspieler mit dem Schiri diskutieren, und probieren es auf die gleiche Art. Das ist alles nicht mehr so einfach. Meine Nerven halten das aus. Ich bin aber nach dem Spiel nicht mehr zu Diskussionen bereit, trinke vielleicht noch ein Bier und bin dann weg.

Ist es schwieriger geworden, heutzutage als Schiedsrichter einzusteigen?

Wenn die Jungs die Prüfung machen, haben sie die Theorie zwar gut bestanden. Danach werden sie aber bei Jugendspielen eingesetzt und kommen teils mit den Eltern am Rand nicht klar. Einige halten fünf Spiele durch und geben die Pfeife wieder ab. Deswegen gibt es heute einen großen Schiedsrichtermangel bei vielen Vereinen.

Wie kann man dem begegnen?

Da passiert schon etwas. Wenn sie die ersten Spiele pfeifen, wird ihnen ein erfahrenerer Kollege zur Seite gestellt, der sie zu Beginn etwas anleitet. Das macht schon viel aus, einige Nachwuchsschiedsrichter bleiben so länger dabei. Die Anerkennung an sich muss jedoch auch wieder steigen.

Aus den unteren Ligen hört man heutzutage von Anfeindungen oder gar Gewalt gegen Schiedsrichter.

Es ist aggressiver geworden. Vor mir haben die meisten aber wegen meines Alters eher Respekt. Ich habe vor zwei Wochen bei einem Reservespiel in Bitburg meine erste rote Karte seit drei Jahren verteilen müssen. Der Gästetrainer hat den Ball nicht rausgerückt. Da hat es auf einmal geklatscht, und er hatte die Hand eines gegnerischen Spielers im Gesicht.

Gibt es einen Bundesliga-Schiedsrichter, den Sie besonders schätzen?

Ich habe einst Herbert Fandel angelernt. Der stammte aus dem Nachbarort Utscheid und hat mir als Jugendlicher bei einem Hallenturnier in Mettendorf assistiert. Viel musste ich ihm nicht beibringen. Ich habe mich sehr gefreut, als er es dann in die Bundesliga geschafft hat, und habe mir auch das eine oder andere abgeschaut.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich für die Schiedsrichter viel verändert. In der Bundesliga gibt es nun den Videobeweis. Hätten Sie so was auch gern?

In der Kreisliga brauche ich keinen Helfer, da geht es gemächlich zu. In der Bundesliga ist das Spiel aber sehr schnell geworden. Da hat es sich, finde ich, schon gezeigt, dass der Videobeweis gut für die Schiedsrichter ist. Man kann nicht immer alles richtig machen. Wir sind eben nur Menschen.

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