Fußball-EM 2012 Unentschieden gegen die Uefa

Die polnischen Fans dürfen jubeln: Ihr Land bleibt Mit-Gastgeber der EM 2012 - trotz anhaltender Korruptionsvorwürfe. Westeuropäische Funktionäre sind nach der Entscheidung enttäuscht.

Von T. Urban

Im letzten Moment haben die Polen noch die Kurve gekriegt. Die letzten Tage sah es so aus, als würde ihnen der Europäische Fußballverband Uefa die Europameisterschaft 2012 entziehen, die sie gemeinsam mit den Ukrainern ausrichten sollen. Denn auf Antrag der Regierung hatte ein Sport-Schiedsgericht den Vorstand des nationalen Fußballverbandes PZPN abgesetzt und stattdessen einen Kurator eingesetzt.

Zur Begründung wurden zahlreiche Korruptionsaffären angeführt, deren Aufklärung der Verband behindere. Einen Eingriff in die Autonomie eines Mitgliedsverbandes aber wollten weder die Uefa noch der Fußballweltverband Fifa hinnehmen. Sie drohten den Polen den Anschluss von allen internationalen Wettbewerben an, sollte der Kurator nicht bis Montagmittag zurückgezogen werden.

Der nun gefundene Kompromiss sieht in der Tat den Rückzug des Kurators vor. Eine gemeinsame Kommission, der die Vertreter der internationalen Verbände, des PZPN sowie der polnischen Regierung angehören, soll einen Ausweg aus der Krise finden. Aber haben Uefa und Fifa somit die Führung Polens, eines Staates von fast 40 Millionen Einwohnern, in die Knie gezwungen?

Auch Ukraine spielt eine Rolle

Zunächst sieht es in der Tat so aus, als habe sich der als rational geltende Regierungschef Donald Tusk im Konflikt mit dem PZPN schlicht überhoben. Denn seine Berater haben offenkundig übersehen, welch starken Rückhalt der von den Medien immer wieder als Pate korrupter Seilschaften gebrandmarkte PZPN-Präsident Michal Listkiewicz im internationalen Fußballbusiness hat. So soll er einst dem Fifa-Chef Sepp Blatter dessen heutige 32 Jahre jüngere polnische Ehefrau Ilona zugeführt haben. Auch duzt er sich mit dem Sepp.

Doch konnte der Fifa nicht an einem großen Konflikt gelegen sein, nachdem erst kürzlich die Uefa den Polen bescheinigt hatte, bei den Vorbereitungen für die EM 2012 große Fortschritte erzielt zu haben und auf einem guten Weg zu sein. Hinter den Kulissen dürfte auch der einflussreiche ukrainische Fußballboss und Milliardär Hryhory Surkis eine Rolle gespielt haben. Surkis ist zwar ebenfalls mit Listkiewicz per du. Doch er hat gewiss auch die Interessen der Ukraine im Blick, die als Mitorganisator der EM mit Polen in einem Boot sitzt. Es wäre eine Art nationaler Katastrophe für die Kiewer, wenn die EM 2012 neu ausgeschrieben würde - auch, weil den ukrainischen Oligarchen ein Riesengeschäft entginge.

Punktsieg im Vabanque-Spiel

Tusk und seine Berater kannten diese Zusammenhänge, als sie zum Schlag gegen den PZPN ausholten. Sie sind ein kalkuliertes Risiko eingegangen, das zunächst nach einem Vabanque-Spiel aussah, da der Ausschluss Polens aus allen internationalen Wettbewerben drohte. Nun aber haben sie einen Punktsieg im Kampf gegen die korrupten Seilschaften im PZPN erzielt, da dessen Spitze laut Kompromiss völlig neu gewählt werden soll.

In den letzten beiden Jahren sind in Polen wegen Manipulation von Ligaspielen insgesamt 120 Funktionäre, Schiedsrichter, Trainer und auch Spieler verhaftet worden, beim ersten Prozess wurden kürzlich 17 von ihnen zu Gefängnisstrafen bis zu sieben Jahren verurteilt.

Es handelt sich also durchaus um einen klassischen Kompromiss, der alle Beteiligten das Gesicht wahren lässt. Er enttäuscht allerdings die Fußballfunktionäre in mehreren europäischen Ländern, darunter auch in Deutschland, die auf eine Neuausschreibung der EM 2012 gehofft hatten und sich selbst bewerben wollten.