Von Holger Gertz

Das EM-Team der Schweiz vermittelt den Eindruck, hier spielten alle Kulturen perfekt zusammen - die Wahrheit aber liegt nicht immer auf dem Platz.

Andrew Katumba ist Politiker, Politiker in Zürich, seit 2006 sitzt er für die Sozialdemokratische Partei im Gemeinderat der Stadt. Eigentlich wäre das seine Zeit im Moment, ein Politiker wie er könnte versuchen, sich irgendwie dranzuhängen an die Stimmung, die sich aufzubauen beginnt. Ein Fußballturnier, das daheim ausgetragen wird, auch hier in Zürich, ist längst nicht mehr nur ein Sportereignis, von einem Fußballturnier soll eine Art Botschaft ausgehen, gesellschaftlich, politisch.

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Die Schweizer Nationalmannschaft ist eine gut funktionierende Multi-Kulti-Truppe. (© Foto: dpa)

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Zürichs Stadtpräsident Elmar Ledergerber hat gerade im Museum für moderne Kunst eine Fußballausstellung eröffnet und dabei selbst versucht, ein paar Bälle zu treten, was ihm nicht immer gelang. Er sah fast so aus wie Edmund Stoiber früher, der einmal, als er auf die Torwand zielte, den Ball einer herumstehenden Frau ins Gesicht gezimmert hat.

Die Wähler mögen Fußball

Ledergerber ist immer da, wo es um Fußball geht, für eine EM-Broschüre der Stadt hat er sich im Stadion fotografieren lassen. Politiker vertrauen darauf, dass die meisten Wähler Fußball mögen. Dann wählen sie vielleicht auch die Politiker, die Fußball mögen.

Im Büro von Andrew Katumba sind die Wände weiß, kein Poster, kein Flugblatt als Hinweis auf die Europameisterschaft. Nur ein kleines Foto über dem Lichtschalter. Eine Postkarte mit dem Porträt von Barack Obama. "Sie hängt da schon seit mehr als einem Jahr", sagt Katumba. Vor einem Jahr war der schwarze Politiker Obama ein Mann ohne Chance, und jetzt ist er wohl bald Präsidentschaftskandidat. Der schwarze Politiker Katumba hatte damals eine Ahnung, dass es gut laufen könnte für Obama, und jetzt fühlt er sich bestätigt.

Etwas Bedeutendes passiert gerade in Amerika. Andrew Katumba, 37, ist Regisseur im Hauptberuf, er hat den Blick für Bilder und Symbole und ein Gefühl dafür, Zeichen zu setzen. Wenn in der Schweiz gerade alle ihre Wände mit Postern der Nationalmannschaft vollhängen, ist es sein Statement, dass Obama in seinem Büro die Wand ganz für sich allein hat.

Ein Tritt fürs schwarze Schaf

Andrew Katumbas Vater gehörte in Uganda zu einer Minderheit, die von Idi Amin verfolgt wurde. Die Familie floh in den Siebzigern in die Schweiz, kam nach Zürich, aber in der Minderheit blieb sie auch da. Andrew und sein Zwillingsbruder merkten das, wenn die Menschen auf der Straße die Hand nach ihnen ausstreckten, weil sie ihre schwarzen, lockigen Haare streicheln wollten. "Dörf ich dini Chrusle aalange!", riefen sie und beugten sich zu ihnen runter.

Katumba war Schweizer und fremd zugleich, ein Kind von Ausländern, das in der Schweiz aufwachsen würde. Secondos nennt man sie hier, die zweite Generation. Secondos ist ein Begriff für Einwandererkinder, auf den sich die Gesellschaft geeinigt hat. Manche sagen aber auch Neger. Katumba ist Politiker, ein Politiker ist Wahlkämpfer, einem Wahlkämpfer wird viel hinterhergerufen. Zweimal kandidierte er für den Nationalrat, zweimal wurde er nicht gewählt, auch 2007 nicht, als die rechtsgerichtete SVP diese Plakate geklebt hatte, auf denen drei weiße Schafe ein schwarzes Schaf von der Schweizer Flagge kickten.

Andrew Katumba spürte den Kick. Das schwarze Schaf, das war auch er. Er setzte ein Zeichen. Er trat im Wahlkampf mit echten schwarzen Schafen auf, die er bei einem Züchter geliehen hatte.

Lesen Sie auf Seite 2: Wie sich das heutige Team von früheren unterscheidet und welche Probleme die Nationalspieler haben.

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