Fußball: Dynamo Dresden Im Namen des Schornsteinfegers

In Deutschland gibt es viele schöne Sportstätten, die unschön heißen. Nun setzt Dresden mit seinem "Glücksgas"-Stadion noch eins drauf. Das schlechte Gewissen und die Aussicht auf ein gutes Geschäft halten sich dabei die Waage.

Von Boris Herrmann, Dresden

Ulrike Harbig hat ihren Vater Rudolf nie gesehen, sie kam 1943 in Dresden zur Welt, er starb 1944 an der Ostfront. Sie kennt ihn nur als Stadionnamen. "Und doch", sagt Harbig mit der Stimme einer pensionierten Deutschlehrerin, "glaube ich, diesen Rudolf Harbig besser zu verstehen als viele andere Menschen." Die Pokale, Ehrennadeln und Fotos, die sich über die Jahrzehnte in ihrem Wohnzimmer angesammelt haben, haben ihr eben doch vieles über den Vater erzählt, über seine drei Leichtathletik-Weltrekorde, über seinen Sportsgeist, über seinen Humor.

Womöglich, glaubt Ulrike Harbig, hätte er lächelnd abgewinkt, wenn er erfahren hätte, dass sie in seiner Heimatstadt zwei Mal ein Stadion nach ihm benennen, nur, um es zwei Mal wieder umzutaufen. Vermutlich hätte er gesagt: "Sollen sie mich doch abhängen."

1972 wurde Harbigs Name das erste Mal von der Hülle des Dresdner Fußballstadions entfernt, da ein Bronzemedaillengewinner der Hitler-Spiele von 1936 und gefallener Wehrmachtssoldat nicht so recht in das Idealbild des DDR-Sports passte. Wenige Wochen nachdem seine Tochter Ulrike 1966 aus der DDR geflüchtet war, wurde es auch schon einmal in Erwägung gezogen. Im Nachwende-Dresden kam Harbig wieder zu alten Ehren. Jetzt wird sein Schriftzug wieder abgeschraubt.

In den Sechzigern verbreitete er zu wenig realsozialistische Grundwerte, heute fehlt ihm der kapitalistische Mehrwert. In der Rückrunde kickt der Drittligist Dynamo Dresden unter den Insignien eines bayerischen Energieversorgers - im Glücksgas-Stadion.

Bevor der Mittelstreckenläufer Rudolf Harbig in den Krieg zog, arbeitete er bei den Dresdener Stadtwerken als Gasableser. Wenn man die Sache wohlwollend betrachte, sagt seine Tochter, dann habe der neue Name sogar eine gewisse Kontinuität. Es ist allerdings so, dass die Sache keineswegs nur wohlwollend betrachtet wird. Viele der sehr traditionsbewussten Fans der SG Dynamo Dresden sind entsetzt. Selbst der Stadionmanager Hans-Jörg Otto sagt: "Wir brauchen nicht darüber reden, dass der Name ein bisschen unglücklich ist."

Ein bisschen unglücklich ist er alleine deshalb, weil es in Deutschland schon genügend schöne Sportstätten mit unschönen Namen gibt: die Nordfrost-Arena, den Signal Iduna Park, das easyCredit-Stadion, die O2-World. Noch unglücklicher ist er jedoch, weil es in diesem Fall nicht nur um verärgerte Traditionalisten und aufdringliche Werbebotschaften in städtischen Geldlücken geht. Es geht auch um jenes seltsame Gefühl, das viele Menschen befällt, wenn sie das Wort "Glücksgas" hören.

Gasherd, Erdgas, Gasableser, Gasdurchlauferhitzer - man kann die drei Buchstaben G, A, S in unzählige Substantive einbauen, ohne dass Unbehagen aufkäme. Je öfter man sich aber den neuen Stadionnamen von Dresden aufsagt, umso klarer wird: Glück und Gas sind zwei Wörter, die in Deutschland nicht zusammenpassen. "Ich denke nun mal ans Dritte Reich, wenn ich diesen Namen höre", sagt Ulrike Harbig.

Bleibt die Frage, weshalb sich eine Stadt mit dieser Geschichte und dieser Lage überhaupt auf ein derartiges Assoziations-Gestrüpp einlässt, wenn es um die Benennung einer ihrer größten und repräsentativsten Immobilien geht? Und weshalb sich ein Klub wie Dynamo Dresden, der sich in den vergangenen Jahren redlich aus seiner rechtslastigen Ecke herausgekämpft hat, diese Debatte antut?

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