Fußball Die Moderationsschwäche des FC Bayern

Robert Lewandowski (rechts) lanciert ein Interview am Klub vorbei, Trainer Carlo Ancelotti (links) wirkt machtlos.

(Foto: REUTERS)

Nur noch "Mia-san-ich"? In München arbeiten zu viele Spieler ihre persönliche Agenda ab. Die Zweifel an Trainer Ancelotti scheinen zu wachsen.

Kommentar von Christof Kneer

Philipp Lahm hat alles richtig gemacht. Zwar weiß man nicht, ob er sich das Spiel des FC Bayern gegen Anderlecht angeschaut hat, aber er darf sich in jedem Fall bestätigt fühlen. Wenn er das Spiel nicht gesehen hat, dann hat er den Abend im Zweifel sinnvoller verbracht; wenn er das Spiel aber gesehen hat, dürfte er leise vor sich hingejubelt haben. Denn dann hätte er eben auch gesehen, was er längst ahnte und was wohl auch ein Grund für seinen Rücktritt war: dass das vielleicht keine Bayern-Saison wird, in der man als älter werdender Rechtsverteidiger zwingend Spaß hätte. Fehler ausbügeln, die nie passieren sollten; Zickereien schlichten, die keine Mannschaft der Welt braucht: All das hat sich der Perfektionist Lahm erspart.

Man hätte allerdings schon gern gewusst, wie ein Sportdirektor Lahm einem Abend wie diesem begegnet wäre. Was er vor der Presse gesagt hätte oder wie er mit Franck Ribery umgehen würde oder Robert Lewandowski oder Thomas Müller oder auch mit Trainer Ancelotti. Bei Bayern sind gerade eine Menge Einzelgespräche nötig, im wörtlichsten Sinne. Wer die letzten Eindrücke auf sich wirken lässt, kommt ja um diese Erkenntnis nicht mehr herum: Die sogenannte Mannschaft besteht gerade aus viel zu vielen Einzelpersonen, die alle ihre persönliche Agenda abarbeiten.

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Dem leicht entzündlichen Ribéry darf man immerhin zugutehalten, dass er sein Trikot zu allen Jahreszeiten zu werfen imstande ist; aber Müllers jüngste Kritik am Trainer ("Ich weiß nicht genau, welche Qualitäten er sehen will, aber meine sind scheinbar nicht hundertprozentig gefragt") kann ebenso als Symptom einer aktuellen Moderationsschwäche im Klub gelten wie Lewandowskis kühn am Verein vorbei inszeniertes Interview.

So passen innen und außen gerade auf eine Art zusammen, die den Bossen nicht gefallen kann: Die Vereinzelungstendenzen bilden sich jetzt auch auf dem Platz ab, wo eine straff organisierte Gruppendynamik mitunter ebenso vermisst wird wie die dazugehörige Körperspannung. Lewandowski übersieht Robben beim Passspiel, Robben übersieht Lewandowski beim Abklatschen, Ribéry ist beleidigt und der Müller irritiert: Dieses ganze Mia-san-ich-Getue überrascht umso mehr bei einem Trainer, der im Ruf stand, ein lässiger Umarmer zu sein und die Kabine im Griff zu haben.

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Niemand im Klub hat je öffentlich Zweifel am Trainer geäußert, aber das Verhalten der Spieler illustriert die Zweifel auf andere Weise. All die kleinen Egotrips deuten darauf hin, dass die Spieler ihren Coach für waidwund halten, und tatsächlich scheinen sich die Spieler mitunter zu fragen, wo denn die Botschaft dieses auf trotzige Weise gemütlichen Trainers sein soll: taktisch, personell, atmosphärisch.

In dieser Lage kann auch Sportdirektor Hasan Salihamidzic nur verloren aussehen: Er wirkt erkennbar angestrengt beim Versuch, es sowohl dem Vorgesetzten Hoeneß als auch dem Vorgesetzten Rummenigge recht zu machen (was nicht immer dasselbe ist).

Man darf gespannt sein, welche Führungskraft im Klub sich nun daran versuchen wird, die Gruppe zusammenzuhalten, zumal die Bedrohungen jetzt auch von außen kommen: Die recht offensiven, wenn auch inzwischen relativierten Aussagen des Hoffenheimer Trainers Julian Nagelsmann ("der FC Bayern spielt in meinen Träumen schon eine etwas größere Rolle") tragen nicht gerade zur Stärkung von Ancelottis Autorität bei. Nagelsmann verfolgt womöglich ebenfalls seine eigene Agenda: Er würde halt schon gern Trainer bei Bayern werden.

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