Nach missglücktem Saisonstart vertrauen Mönchengladbachs Jos Luhukay und Christian Ziege als jüngstes Entscheiderduo der Ersten Liga auf Talente aus Zweitliga-Tagen.
Christian Ziege muss nicht mehr in den Kofferraum klettern. Derlei Zeiten sind vorbei, auch wenn es im Verein gerade "ein bisschen rumort", wie er sagt. Aber das ist harmlos im Vergleich zu den Reaktionen damals in Italien. Ziege ist seit März 2007 Sportdirektor bei Borussia Mönchengladbach. Vor zehn Jahren hat er bei Inter Mailand gespielt, und dort, hat er dem Magazin 11 Freunde erzählt, "bin ich mehrfach im Kofferraum eines Autos aus der Tiefgarage gefahren worden, weil zu befürchten war, dass Fans mit Steinen nach uns werfen". In Mönchengladbach gibt es so etwas nicht. Dort haben sie keine Tiefgarage. Aber sie haben Sorgen, denn der Aufsteiger ist nach zwei Spieltagen Letzter: als einziges Bundesligateam ohne Punkt. Trotzdem will sich deswegen niemand im Kofferraum verstecken. "Wir sind hier nicht aus einem üblen Traum erwacht", sagt Ziege. "Für mich zählt die Tabelle erst ab dem zehnten Spieltag", sagt der Trainer Jos Luhukay.
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Das jüngste Entscheiderduo der Liga: Gladbachs Trainer Jos Luhukay (rechts) und Sportdirektor Christian Ziege. (© Foto: Getty)
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Bloß ein Tor binnen 180 Minuten
Das wird freilich schwer für die vielen Fans, dieser für die spontane Stimmung doch so maßgeblichen Liga-Rangliste vor dem 29. Oktober einfach keine Beachtung mehr zu schenken. Luhukay verweist zur Stärkung seiner Glaubwürdigkeit auf die letztjährige Zweitligasaison, als die Borussia mit zwei Remis und einer Niederlage in die Saison gestartet war und vom 13. Platz aus eine Siegesserie startete, die den Klub am neunten Spieltag auf jenen ersten Platz führte, den er bis zum Saisonende nicht mehr hergab.
Von einer ähnlichen Rehabilitierung träumen sie auch in diesem Herbst, jedoch sprechen die statistischen Daten der ersten beiden Spiele nur sehr bedingt für eine plötzliche Entpuppung. Gladbach besitzt nach dem 1:3 gegen Stuttgart und dem 0:1 in Hoffenheim in der Ligastatistik die viertwenigsten Torschüsse (21), die drittschwächste Chancenverwertung (12,5%), die meisten Gegentore (4), die meisten Gelben Karten (7) und mit 186 Fehlpässen einen der schwächsten Werte.
Binnen 180 Minuten ist bloß dem Kanadier Rob Friend ein Tor gelungen. "Wir sind in Bezug auf die erste Liga noch unerfahren", sagt Luhukay entschuldigend. Die 15 Startspieler der ersten beiden Duelle verfügten gemeinsam nur über 175 Bundesligapartien. Allerdings besaßen die zwölf Startspieler des Mitaufsteigers Hoffenheim nur die Erfahrung von insgesamt 97 Bundesligapartein - doch ins dritte Liga-Wochenende gingen sie als Tabellenführer.
"Wir müssen 110 Prozent geben"
Statistik ist nicht alles. Offiziell ist der seit Februar 2007 amtierende Cheftrainer Luhukay mit elf Niederlagen in 17Erstligaspielen momentan der erfolgloseste Übungsleiter der Klubhistorie, doch die spielerische Leistung der Mannschaft in den ersten beiden Spielen taugte mitnichten zum Fatalismus. Diese Belegschaft machte trotz mangelhafter Ausbeute und folgenreicher Ballverluste bislang einen vitaleren Eindruck als jene, die in der vorletzten Saison von Jupp Heynckes formiert und ab der Rückrunde von Luhukay in die zweite Liga begleitet wurde. Zwei Drittel des Kaders sind in den vergangenen zwölf Monaten hinzugekommen und damit von Luhukay, 45, und Ziege, 36, zu verantwortende Personalien.
Das jüngste Entscheiderduo der Liga setzt bei seinen Zugängen weder auf große Bundesliga-Erfahrung noch auf große Namen, weshalb sich auch Jean-Sébastien Jaures (Auxerre), Gal Alberman (Jerusalem), Karim Matmour (Freiburg) und Jan-Ingwer Callsen-Bracker (Leverkusen) das Vertrauen erst erspielen müssen. In Marko Marin, 19, und Oliver Neuville, 35, besitzt Gladbach einen sehr jungen und einen sehr alten Hoffnungsträger. Sie sind die Favoriten der Fans, aber sie allein können den Klassenerhalt nicht stemmen.
"Es ist eine meiner Stärken, ein Team zu formen!", hat Luhukay vor der Saison behauptet. Genau diesen Beweis muss er in den kommenden Wochen erbringen. Gegen Werder Bremen an diesem Samstag fordert er von seinen Spielern, "weniger individuelle Fehler zu machen, aus mehr gewonnenen Zweikämpfen Vorteile zu kreieren, die zu vielen und zu frühen Ballverluste abzustellen und die Chancen zu nutzen!" Das sind sehr viele Forderungen für ein Spiel gegen einen Champions-League-Teilnehmer, aber Luhukay hat auch noch eine simplere Erfolgsformel: "Wir müssen 110 Prozent geben, um Bremen zu besiegen!" So einfach ist das.
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(SZ vom 30.08.2008/mb)
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