Von Thomas Hummel

Der Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga nähert sich der Entscheidung und der Aberglaube erlebt eine Blütephase. Doch am Ende ist selbst die schönste Unterhose machtlos.

Walter Hellmich, Präsident des MSV Duisburg, hat mit allen Tricks gearbeitet, die der Aberglauben so hergibt: Wenn seine Mannschaft gewinnt, sagte er, trage er anschließend das gleiche Sakko, die gleiche Hose, ja sogar die gleiche Unterhose, um so das Zutrauen an den nächsten Sieg zu stärken. Der 1. FC Nürnberg versuchte beim Gastspiel in Berlin die Magie aus dem vergangenen Jahr wieder zu beleben. Die Mannschaft quartierte sich im selben Hotel ein wie vor dem Pokalsieg 2007, sie übte wieder im Poststadion in Moabit. "Etwas Aberglaube", sagte Manager Martin Bader, "ist schon erlaubt".

Bild vergrößern

Schrecken in der Wedau: Der MSV steigt zum sechsten Mal aus der Bundesliga ab. (© Foto: ddp)

Anzeige

Wenn im Frühling der Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga seiner Entscheidung entgegenblickt, erlebt neben der Natur der Aberglauben eine Blütephase. Auch Bielefelds Trainer Michael Frontzeck hielt viel von seinem Talisman: einen Arminia-Fanschal, Typ Blockstreifen, den er auf die Trainerbank legte. Weil seine Mannschaft zuletzt gute Ergebnisse erstritt, nahm er ihn sicher auch zum Heimspiel gegen Borussia Dortmund mit.

Was soll aus all den Glücksbringern nun werden?

Herrn Hellmichs Unterhose wird nach dem Abstieg seines MSV bestenfalls im Kleidercontainer landen, vielleicht beendet der Stofffetzen sein Dasein auch als Putzlumpen in Hellmichs Baugesellschaft. Vielleicht kann ihm Frank Pagelsdorf einen Tipp geben. Der saß als Trainer des Hamburger SV einmal wochenlang mit einem modisch desaströsen gelben Sakko auf der Bank, weil seine Mannschaft einfach nicht verlieren wollte. Zumindest das blieb den Rostockern, zweiter Absteiger, diesmal erspart.

Ganz schlimm steht es um Frontzecks Fanschal. Denn so ein Utensil soll ja gerade höhere, sportwissenschaftlich halbseidene Mächte anrufen, die im Zweifel eine Portion Fußballglück mitbringen. In dieser Hinsicht hat der Blockstreifen-Stoff diesmal grotesk versagt. Denn als sieben Minuten vor Schluss Arminia Bielefeld schon gerettet war, brachte der kuriose Dortmunder Ausgleich den Schrecken zurück nach Ostwestfalen. Alexander Freis Freistoß flog vom Pfosten in das Gesicht von Torwart Rowen Fernandez und von dort zum 2:2 ins Netz.

Der letzte Spieltag bietet einen neuen Rekordträger

Bleibt das Nürnberger Hotel am Spreebogen in Berlin. In Nürnberg neigt man am ehesten zu der Ansicht, die Verantwortlichen im Klub sollten aufhören mit der unsinnigen Suche nach Maskottchen und Ritualen. Der Pokalsieger und Tabellensechste der vergangenen Saison ist seit Monaten von einer derart rätselhaften Blockade befallen, dass auch Hotelbetten und Trainingsstätten offensichtlich nicht mehr helfen. Die Leistung beim 0:1 in Berlin war ein Spiegelbild der Saison. Die Nürnberger verfielen angesichts der Bedrohung in eine regelrechte Angststarre, die das gut besetzte Team wie einen Absteiger spielen ließ. Zwischen 17.01 Uhr und 17.08 Uhr war es schon soweit mit Liga zwei, bis Freis Freistoß gegen Fernandez' Kopf fiel.

Weder der einstige Erfolgstrainer Hans Meyer noch der Hoffnungsträger Thomas von Heesen haben die psychische Wankelmütigkeit aus den Köpfen der Spieler bekommen. In fast allen Partien begannen die Franken voller Selbstvertrauen mit schönen Kombinationen, um beim ersten Schubser gegen die Seele einzubrechen. Das macht die Hoffnung auf eine Rettung in letzter Sekunde nicht unbedingt größer. Nürnberg muss in einer Woche nun den FC Schalke 04 (der noch um den direkten Einzug in die Champions League kämpft) zu Hause besiegen, gleichzeitig darf Bielefeld in Stuttgart nicht gewinnen.

Bei den beiden Aufsteigern, die nun wieder Absteiger sind, fallen die Erklärungen für den Niedergang leichter. Rostock fehlte die Qualität im Kader, bei 28 Toren in 33 Spielen vor allem die Möglichkeiten in der Offensive. Gegen Duisburg entschied die rätselhafte Schwäche im eigenen Stadion. Zwölf Punkte in 17 Heimpartien ist mit Gewalt am treuen Fan gleichzusetzen.

Der letzte Spieltag bringt auf jeden Fall einen neuen Rekordträger: Sowohl Bielefeld wie auch Nürnberg droht der siebte Abstieg, so oft trauerte noch kein Klub über den Abschied aus der Bundesliga. Welcher Talisman das verhindern soll, bleibt abzuwarten.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(sueddeutsche.de)