Die Bayern kommen nicht an Hoffenheim vorbei: Nach einem 1:2 in Berlin ist die Mannschaft von Jürgen Klinsmann Tabellendritter. Erstmals seit Oktober 2006 heißt der Spitzenreiter wieder Hertha BSC.
Die Saison treibt seltsame Blüten: Ein Duell der Bayern gegen Hertha um die Tabellenspitze war vor gar nicht langer Zeit so wahrscheinlich wie die Teilnahme des FC Gütersloh an der Champions League. Für den FCB ist Berlin ein noch unheimlicherer Gegner als das Fußballdorf Hoffenheim - während man bei der TSG die Ursache des Aufschwungs ziemlich sicher bestimmen kann (Hopps Millionen), hat sich Berlin ganz ohne Mäzen an die Spitze geschlichen.
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Marko Babic (rechts) gratuliert Andrej Voronin zu seinem Tor gegen die Bayern. Berlin gewann durch zwei Voronin-Tore mit 2:1 und ist neuer Tabellenführer. (© Foto: ddp)
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Umso wichtiger war es den Münchnern, dem Emporkömmling seine Grenzen aufzuzeigen. "Da braucht man den Jungs keine besondere Motivation mitgeben", sagte Bayern-Coach Jürgen Klinsmann vor dem Spiel am Premiere-Mikrofon und setzte seine Pädagogen-Miene auf: "Das ist ein Schlüsselspiel, nicht nur weil wir Tabellenführer werden können, sondern auch weil wir ein Zeichen setzen können für die kommenden Wochen."
Doch die Zeichen waren alles andere als gut, sie standen auf Niederlage, nachdem Andrej Voronin in der ersten Halbzeit eine Ebert-Flanke mit dem Kopf ins Tor befördert hatte. Ein Gewaltschuss von Lucio mit anschließendem Abstaubertor von Miroslav Klose bedeutete den zwischenzeitlichen Ausgleich, ehe Voronin mit seinem zweiten Streich den 2:1-Endstand erzielte und die Hertha zum neuen Tabellenführer machte.
Übergewicht auf der rechten Seite
Die Bayern hatten schwungvoll begonnen: Lucio grätschte Sekunden nach dem Abpfiff dem Berliner Debütanten Rodnei in die Beine, als habe er einen Maulwurf erlegen wollen. Der Innenverteidiger tat dies in der Berliner Hälfte, wohlgemerkt, beinahe am gegnerischen Strafraum, und so war früh klar, in welche Richtung es vor 75.000 Zuschauern im Olympiastadion gehen würde: Stetig gen Berliner Tor.
Oder besser: Gen Berliner Strafraum, denn an dessen Grenze endeten die bayerischen Angriffsbemühungen. Die Berliner Abwehrbeine waren omnipräsent, insbesondere Franck Ribéry lief sich bei Dribblings immer wieder fest, und so hatte im Spiel der Bayern ausnahmsweise einmal nicht die linke, sondern die rechte Angriffsseite ein Übergewicht - zumindest ein optisches.
Christian Lell und Bastian Schweinsteiger hatten auf ihrem Flügel jedoch nicht weniger Ärger als Ribéry auf der Gegenseite, was sie dazu veranlasste, es mit hohen Bällen zu versuchen. Oder, im Falle Lells: Mit halbhohen Bällen.
Toni muss verletzt raus
Mit einem Luca Toni in Topform kann das ein probates Mittel sein, doch der Italiener hat offenbar die selbe Krankheit wie sein Sturmpartner Klose in der Vorsaison: Er trifft nicht, er grübelt und er ist traurig. Beim 3:1 gegen Dortmund in der Vorwoche war er ausgewechselt worden und hatte Klose anschließend den Handschlag verweigert. "Es hat ihn gewürmt", erkannte Klinsmann, der ehemalige Stürmer, und er hätte sein Sorgenkind aus pädagogischen Gründen wohl gerne länger auf dem Feld gelassen, doch Toni verletzte sich am Sprunggelenk und musste schon in der 35. Minute für Landon Donovan weichen.
Zuvor hatte Toni den Herthanern eine dicke Chance aufgelegt, als er einen Berliner Eckball zu Pal Dardai verlängerte, der volley aufs Tor hielt - Zé Roberto klärte auf der Linie (30.). Kurz darauf war kein Körperteil eines Bayern-Spielers im Weg, als sich Voronin an Lell vorbei schlich, nach innen zog und den Ball mit dem Kopf ins Netz drückte. Ebert hatte geflankt, Lell sich verschätzt und Rensing zwei Schritte nach vorne gemacht - zwei Schritte zu viel oder acht zu wenig, darüber ließ sich streiten. Jedenfalls hatte der Torhüter in dieser Position keine Gelegenheit, das 1:0 der Gastgeber zu verhindern.
Lell durfte noch einige andere Missverständnisse provozieren und halbhohe Flanken schlagen, Klinsmann gab ihm eine Bewährungschance, ehe er ihn in der 58. Minute für Tim Borowski vom Feld nahm. Der Trainer musste etwas tun, denn obwohl sich seine Spieler viel bewegten und mühten, konnte das Spiel der Bayern nur besser werden.
Drobny hält sensationell
Und es wurde besser, weil Lucio einen Weg fand, die Präzisionsarbeit der Berliner Defensive auszuschalten - mit roher Gewalt: Er hämmerte aus 30 Metern aufs Tor, unkontrolliert zwar, aber flach und hart, und Hertha-Keeper Jaroslav Drobny konnte nur abklatschen lassen. Endlich einmal war kein Abwehrbein im Weg, nur Drobny, der sich wie ein angeschlagener Boxer aufrappelte, um zwei Mal sensationell gegen Schweinsteiger zu halten. Erst beim vierten Versuch er machtlos: Klose köpfte zum 1:1-Ausgleich ein.
Die Bayern nun im Aufwind, endlich auf dem Weg an die Tabellenspitze, vorbei an Hoffenheim, diesem unheimlichen Hoffenheim, das am Freitag mit 1:4 gegen Leverkusen verloren hatte... Weit gefehlt: Die nächste Chance gehörte Raffael, und der Brasilianer der Berliner war es auch, der den Bayern den endgültigen Knockout versetzte. In der 77. Minute spielte er einen äußerst präzisen Pass auf Andrej Voronin - so präzise, wie ihn nur ein Schüler des Schweizer Trainers Lucien Favre spielen kann. Voronin war deshalb genau im richtigen Moment am Ball, um abgeklärt an Rensing vorbei zum 2:1 einzuschießen.
"Berlin, was geht ab, wir holen die Meisterschaft!", riefen die Zuschauer, und als der Schlusspfiff ertönte, rasteten die Hertha-Spieler vor Freude kollektiv aus. Nur Lucien Favre wirkte besonnen, er steckte einen Zettel in die Tasche und guckte auf die Anzeigetafel, wo die Tabelle seinen Verein erstmals seit Oktober 2006 wieder als Spitzenreiter auswies, während die Bayern abermals nicht an Hoffenheim vorbei gekommen waren. Womöglich wird es Favre ein wenig unheimlich vorgekommen sein.
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(sueddeutsche.de/jbe)
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