Der FC Bayern wehrt sich gegen den Vorwurf, Stürmer Luca Toni sei ein Schauspieler. Manager Uli Hoeneß spricht von einer "Kampagne" und kündigt Widerstand an.
Natürlich hat er die Szene später noch ein paar Mal im Fernsehen gesehen; es tat ihm jedes Mal sehr weh. "Das war ein Desaster", sagt Luca Toni und schaut aus seinen braunen Augen, als habe ihm jemand mit Motoröl die frisch arrangierten Gellocken zerlegt.
Bild vergrößern
Bayern-Stürmer Luca Toni: "Erst wenn sie mir noch drei Tore aberkennen, werde ich mir darüber Gedanken machen." (© Foto: Getty)
Anzeige
Eine hundertprozentige Torchance sei das gewesen, "ich weiß ja auch nicht, wie ich das angestellt habe". Nun ja, mit seinem dunklen Lockenschopf halt, dessen Komposition er dann gleich im Anschluss an das Desaster mit seinen Hände zerstörte, aus Verzweiflung. Er hat das selbst nicht fassen können: Er, Luca Toni, sagenhaft freistehend vor dem Tor, ein Kopfstoß aus rund anderthalb Metern - vorbei!
Vergangene Woche ist das gewesen, beim 0:1 in Hamburg, Toni hätte sich und dem FC Bayern einige Diskussionen ersparen können mit dem fraglos angemessenen Ausgleichtreffer in der Schlussphase. Überhaupt dieser vergangene Freitag in Hamburg, das war einfach nicht sein Tag, schon wieder nicht, obwohl er beim Rückrundenstart ziemlich fleißig und durchaus torgefährlich wirkte.
"Wir werden uns zu wehren wissen"
Ein Tor hatte er zudem auch tatsächlich erzielt, aber der Schiedsrichter pfiff das vermeintliche 0:1 der Münchner auf Geheiß seines Linienrichters ab - obwohl HSV-Gegenspieler Bastian Reinhardt früher und weitaus unverschämter am Trikot des Kontrahenten gezerrt und gezogen hatte. Seitdem sind sie in München der Ansicht, Luca Toni sei Gegenstand einer Kampagne. Manager Uli Hoeneß sagt: "Das ist der Versuch, uns klare Nachteile zu verschaffen - aber wir werden uns schon zu wehren wissen."
Nun darf man sehr wohl behaupten, dass Luca Toni, 31, es bisweilen ein wenig übertreibt mit seinen grazilen Stürzen auf den Rasen; wie von einem Donnerschlag getroffen sinkt der 195 Zentimeter lange Hüne aus Modena manchmal darnieder - mag es sich bei demjenigen, der es wagt, ihm beim komplizierten Vorgang der Ballannahme zu stören, sogar nur um einen Hänfling handeln.
Die Bayern möchten Tonis mimisches Talent offiziell selbstredend nicht bestätigen. Doch das Thema ist in der Welt, vor den jüngsten Duellen mit dem VfB Stuttgart und auch jetzt vor dem Heimspiel am Sonntag gegen Dortmund ließen und lassen sich die Gegner mit abfälligen Bemerkungen über Toni vernehmen. Gerade in den fremden Stadien ist die Bewunderung für jene Leichtigkeit, mit der Toni in seiner Debütsaison 2007/08 Tore am Fließband schoss, längst dem Groll über allzu theatralische Ausführungen gewichen.
Luca Toni leugnet erst gar nicht, dass er klitzekleine Schurkenstücke im Repertoire hat. "Wenn ich stehen bleibe und ein Tor schieße, dann wird es mir ja abgepfiffen", sagt er angriffslustig, "deshalb muss ich auch mal liegen." Und doch nagt sein Ruf als listige Nervensäge wohl doch etwas an ihm. Er gibt das nicht zu, aber sein Temperament und sein Ego tun es. Denn auf die Frage, ob er inzwischen ein Imageproblem besitze bei den Referees, antwortet er dezent erregt, es sei doch gar nichts passiert - "ich habe in 50 Spielen 30 Tore gemacht".
Klinsmann hat kein Problem mit Luftnummern
Es sind sogar 33 Tore in bisher 45 Ligapartien für Bayern (diese Saison immerhin schon neun), doch Toni hat offenbar die Frage als Hinweis auf eine sportliche Krise (miss)verstanden. Beim zweiten Versuch entgegnet er versöhnlich: "Ich glaube ja wirklich immer an das Gute, die Schiedsrichter haben sich eben bei meinem Tor in Hamburg vertan, wie ich mich später vertan habe bei meinem Kopfball." Nein, an eine Kampagne möchte er noch nicht glauben. "Erst wenn sie mir noch drei Tore aberkennen, werde ich mir darüber Gedanken machen."
Der FC Bayern dagegen will so lange nicht warten; er kann es sich in seiner Lage nicht leisten, dass sein erfolgreichster Stürmer im Mittelpunkt von Stildebatten steht. Toni müsse seine Spielweise nicht ändern, findet Hoeneß, vielmehr werde man künftig "gegen diese Kampagne vorgehen". Das nicht gegebene Tor beim HSV werte er als "Ergebnis dieses Geredes, dass er nur ein Schauspieler sei". Doch womöglich haben sie in Stuttgart und auch in Dortmund einen großen Fehler gemacht, indem sie den Gemütsmenschen aus dem Sturm mit ihren Vorwürfen provozierten. Lächerlich finde er die Vorhaltungen, sagt Toni, "wenn jemand in der Zeitung stehen will, sollte er selbst etwas leisten, anstatt über einen anderen schlecht zu reden".
Dass ihn das nur anspornt, hat man schon in Hamburg gesehen, ebenso, dass er sich körperlich verbessert hat. Nach der traurigen EM mit Italien und einer Verletzungspause zum Saisonstart ist Toni in der Hinserie auch Opfer eines Hangs zur südländischen Arbeitsmoral gewesen. Jürgen Klinsmann behagte das nicht, Tonis an schlechten Tagen hölzern anmutende Art auch nicht. Aber jetzt sagt er: "Luca ist gut drauf, das zeigt seine Trainingsarbeit, sein Hunger nach Toren." Und mit solchen Luftnummern wie Tonis sagenhaftem Fehlversuch beim HSV hat er sowieso kein Problem. "Davon", sagt Klinsmann "hatte ich früher selbst genügend."
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
- Thema
- Bundesliga RSS
- Fußball-Bundesliga Bielefeld stoppt Hertha 06.02.2009
- FC Bayern: Franck Ribéry Der Wellenbrecher 17.05.2010
- Bundesliga: 1. FC Nürnberg Sieger auf Euro-Suche 17.05.2010
- Bundesliga: Relegation Jungbrunnen für Franken 16.05.2010
- FC Augsburg: Einzelkritik Wütende Bolzer 14.05.2010
- Bundesliga: Relegation Wahlkampf in Nürnberg 14.05.2010
- Bundesliga: Relegation Eigler erlöst Nürnberg 13.05.2010
(SZ vom 07.02.2009/mikö)
Bürgermeister in Baden-Württemberg