Beim 0:1 des FC Bayern verblüfft Louis van Gaal mit der taktischen Aufstellung - und muss sich im Rasenschach doch seinem Gegenüber Bruno Labbadia beugen.
Wenn sich nach einem Fußballspiel die Trainer der beiden beteiligten Mannschaften zur Pressekonferenz einfinden, sitzen sie meist an Pulten, die recht spartanisch eingedeckt sind. Ein Mikrofon und ein paar Getränke, manchmal noch ein Block und ein Bleistift, mehr braucht es nicht, um noch einmal die wichtigsten Statements zum Spiel loszuwerden.
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Der große Taktiker: Bayern-Trainer Louis van Gaal. (© Foto: Reuters)
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Als sich aber am Samstagabend nach dem 1:0 des Hamburger SV gegen den FC Bayern HSV-Trainer Bruno Labbadia und FCB-Coach Louis van Gaal zur Presskonferenz einfanden, hätte es sich nachdrücklich angeboten, die üblichen Utensilien um einen weiteren Gegenstand zu ergänzen: ein Schachbrett.
Denn für das, was Labbadia und van Gaal mit ihren Mannschaft veranstalteten, bot sich ein Begriff wie Rasenschach durchaus an. Wenn es in einem Spiel nicht besonders viele Torraumszenen, Torchancen und Tore gibt, sind die Verantwortlichen einer Mannschaft oft geneigt, die dargebotene Partie mit dem Hinweis schön zu reden, das sei doch taktisch sehr hochklassig gewesen.
Beim Spiel Hamburg gegen Bayern aber bedeutete solch ein Satz keine rhetorische Schönrederei, sondern traf den Kern der Partie. "Es ging heute viel um Taktik", sagten Labbadia und van Gaal unisono. Die Trainer dachten und sinnierten, agierten und reagierten, verschoben und stellten um - bis schließlich die Hamburger nach einem Treffer von Mladen Petric in der 72. Minute mit 1:0 siegten, wobei ein Unentschieden durchaus gerecht gewesen wäre, wie die Bayern-Spieler nach der Begegnung zurecht anmerkten.
Van Gaals taktische Modelle
Louis van Gaal ist bekanntlich Niederländer, und die Niederländer wiederum gelten in der Welt des Fußballs als solche Taktikfüchse, dass im Synonymwörterbuch die Begriffe niederländisch und taktisch eigentlich nebeneinander auftauchen könnten. Entsprechend legte van Gaal seit seinem ersten Arbeitstag beim FC Bayern extremen Wert auf die taktische Grundarbeit, auf das Gesamtgefüge und auf die Organisation der Mannschaft.
Ursprünglich hatte er geplant, das in einem festen System umzusetzen. Im Sommer predigte van Gaal wochenlang sein 4-4-2 mit Raute, doch der angeblich so dogmatische Niederländer, der so lange an seiner Rautenformation und an der Idee, Ribéry auf der Zehn spielen zu lassen, festhielt, entwickelt sich zumindest in dieser Frage zu einem der undogmatischsten Trainer der jüngeren Bayern-Geschichte.
Gegen Hamburg ergänzte er die nicht gerade kurze Liste der diesjährigen taktischen Bayern-Modelle um eine weitere Variante, indem er seine Elf in einem 3-3-3-1 antreten ließ. Vor Torhüter Hans-Jörg Butt formierte sich erstmals in dieser Saison keine Vierer-, sondern eine Dreierkette, bestehend aus Breno (rechts), van Buyten (zentral) und Badstuber (links). Davor staffelte sich ein dichtes Sechser-Mittelfeld, mit der defensiven Dreier-Reihe Lahm - Timoschtschuk - Schweinsteiger und der offensiven Dreier-Reihe Robben - Müller - Ribéry. Als einzige Spitze agierte Ivica Olic.
Diese Aufstellung entsprang nicht einer spontanen Idee, sondern war länger geplant. "Mich hat das nicht überrascht", sagte Manager Uli Hoeneß. Das letzte Mal übrigens, das die Bayern mit einer Dreierkette gespielt hatten, war vor zirka einem Jahr unter Jürgen Klinsmann, dem diese Idee als Fehler und mangelndes taktisches Konzept vorgehalten wurde.
Bei van Gaal kommt niemand auf die Idee, die Umstellung als Fehler oder mangelndes taktisches Konzept zu sehen - sondern vielmehr als positiv zu vermerkende Flexibilität, die sich auszahlte. Denn die Münchner hatten die Partie zunächst unter Kontrolle, überzeugten mal wieder mit einer enormen Ballbesitzquote und erarbeiteten sich auch die ein oder andere Torgelegenheit. Auf der anderen Seite hatten sie aber auch Glück, dass Hans-Jörg Butt bei zwei Hamburger Großchancen stark reagierte.
Niederländisch - taktisch - darmstädterisch
Mit den Verschiebungen in der Bayern-Hintermannschaft hatte van Gaal gleich mehrere Probleme auf einmal gelöst. Zum einen schuf er so ein Übergewicht im Mittelfeld, das im Rückwärtsverhalten für ein dichtes Abwehrgeflecht und im Spiel nach vorne für zusätzliche Anspielstationen sorgte.
Zum zweiten löste er auf äußerst elegante Weise die Frage, ob links hinten nun der formschwache Danijel Pranjic oder der noch formschwächere Edson Braafheid verteidigen soll, indem er einfach auf beide verzichtete.
Und zum dritten wollte er so offenbar die Kreise des zuletzt so überzeugenden Hamburger Offensivspielers Eljero Elia einschränken. Der Niederländer begann als zweiter Angreifer neben Petric, und wenn er halblinks in Aktion trat, stieß er dort immer auf gleich zwei Bayern-Spieler: auf Breno sowie auf den gegenüber seiner angestammten Position etwas nach vorn gerückten Lahm.
Weil Lahm bisweilen zwischen der defensiven Mittelfeld- und der Abwehr-Reihe pendelte, erklärte HSV-Trainer Labbadia nach dem Abpfiff, er habe die Bayern-Anordnung gar nicht als Dreierkette interpretiert.
Bruno Labbadia ist bekanntlich Darmstädter, und am Samstagabend tat er alles, damit im Synonymwörterbuch neben niederländisch und taktisch auch noch darmstädterisch auftaucht. Auch er hatte gegenüber den jüngsten Auftritten umgestellt, und nachdem er sich die leichte Bayern-Überlegenheit im Mittelfeld 45 Minuten lang angesehen hatte, mischte er zur Halbzeitpause seine Mannschaft noch mal ordentlich durch.
Für den Abwehrspieler Guy Demel kam Angreifer Marcus Berg, was eine ganze Kette an Positionsverschiebungen zur Folge hatte. Berg ersetzte Elia im Angriff, Elia auf der linken Außenbahn Aogo, Aogo auf der linken Abwehrseite Boateng, und Boateng auf der rechten Außenverteidigerposition Demel. Mit diesen Maßnahmen und vor allem in Person der nun stärker aufspielenden Boateng und Elia verschoben sich die Gewichte zu Gunsten des HSV.
Ärger für den Rasenschachspieler
Diese Hamburger Rundum-Rotation wiederum führte bei van Gaal zu einem Umdenken. Er installierte mit Beginn der zweiten Hälfte wieder die gewohnte Viererkette (von rechts nach links: Breno, van Buyten, Badstuber, Lahm).
"Das hat auch etwas mit der Anerkennung der Qualität des Gegner und dem Respekt vor dem Gegner zu tun", begründete van Gaal nach dem Spiel seine Umstellung, die letztlich nicht fruchtete gegen die Umstellung seines Trainerkontrahenten Labbadia. Zumal der Niederländer eine Viertelstunde später auch noch den gerade mit Gelb verwarnten Anatolij Timoschtschuk gegen Andreas Ottl austauschen musste, was das Abwehr-Gefüge etwas destabilisierte.
Den Rasenschachspieler van Gaal mag es besonders geärgert haben, dass der entscheidende Treffer dann in einer Situation fiel, die kein System und keine taktische Grundformation dieser Welt verhindert hätte - in einer Situation, in der bei einem Querpass von Zé Roberto die komplette Bayern-Mannschaft und allen voran Kapitän Lahm einfach HSV-Angreifer Petric aus den Augen ließ und zuschauen musste, wie der Kroate zum Tor des Tages einschob.
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(sueddeutsche.de/gal)
Bergkirchweih in Erlangen
"Das letzte Mal übrigens, das die Bayern mit einer Dreierkette gespielt hatten, war vor zirka einem Jahr unter Jürgen Klinsmann, dem diese Idee als Fehler und mangelndes taktisches Konzept vorgehalten wurde."
Da sollte sich der Herr Aumüller aber auch mal an die eigene Nase fassen! Was hat er denn damals geschrieben???
In der letzten Saison lief es richtig gut. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten (neuer Trainer, EM) spielte der FC Bayern groß auf. In der Allianzarena gab es ein Spektakel nach dem anderen, in den Auswärtsspielen hatte man trotz Rensing die beste Defensive der Liga. Zum Ende der Hinrunde wurde man zusammen mit Hoffenheim Herbstmeister und präsentierte sich als beste Mannschaft in der Championsleague-Gruppenphase. Dass van Gaal jetzt Trainer ist, ist die Strafe auf den Fuß für einige in der Mannschaft, die in der Rückrunde begannen, konsequent gegen den Trainer zu spielen.
Dank van Gaal hat die Mannschaft trotz namhafter und excellenter Verstärkung in der Offensive (Olic, Gomez, Robben, Müller) jeglichen Elan nach vorne verloren. Ein Kopfballtor von van Buyten war bitternötig, um mühsam gegen Greenhorns aus Nürnberg zu gewinnen, die ihrerseits die Woche darauf eine Heimniederlage einstecken mussten gegen Bochumer, die wegen Erfolglosigkeit Koller gefeuert hatten.
Auch beim derzeit schwächelnden HSV hätte man mit einem konsequenten Umsetzen der eigenen Offensivstärke unbedingt gewinnen müssen. Wer in Wien und Osnabrück verliert, ist angeschlagen, kann so gut nicht sein. Ist man aber auf Ballkontrolle aus, ist man nicht auf's Tore schießen aus. Beides gleichzeitig geht nun mal nicht. Man beraubt die Mannschaft deren Stärke - und wundert sich dann, wenn man aufgrund eines Defensiv-Fehlers das Spiel verliert.
Bayern hat wieder einen Mathematiker (schon gemerkt, Kalle? ;-) ). Aber im Gegensatz zu Hitzfeld, der nur Grundrechenarten anwandte, bevorzugt van Gaal komplexe Differentialrechnung.
Ich war im Stadion beim Spiel gegen Oberhausen und auch dort sah es gehemmt aus, trotz 5:0, weil es immer quer ging mit dem Ball.
In dem Spiel spielten Braafheid und Ribéry auf einer Seite. Braafheid hat öfters versucht, mit Ribéry Doppelpass zu spielen, aber Ribéry hat ihm den Ball nie zurück gespielt, er hat noch nicht mal in seine Richtung gesehen. Braafheid ist dann wie ein Kasper nach vorne gelaufen, es kam aber kein Ball mehr.
Jetzt könnte man einwenden, weil Braafheid so schlecht ist, man könnte aber auch den Schluss ziehen, dass Ribéry keine Lust hat, mit Leuten zusammen zu spielen, die ihm selbst nicht gut genug sind.
Statt eines Vorstoßes auf Links gab es immer wieder lange Diagonallpässe zwischen Lahm auf rechts und Ribéry auf links und umgekehrt. Das sah aus, als wäre das Spiel der Bayern "quer" angelegt und nicht nach vorne.
Ribery, Robben und Müller hatten ausreichende Freiheiten, die sie nur zu selten oder falsch genutzt haben. Gerade Ribery wollte aus jedem Ballkontakt ein Kunststück gegen zwei, drei Gegner machen, statt auch mal den sicheren Pass zu spielen.
Das System mit drei Innenverteidigern war allerdings wirklich Unfug, besonders, weil Lahm seine neue Position überhaupt nicht kapiert hatte: kein "Hinterlaufen" von Robben, kein Zug zur Grundlinie. Und als Linksverteidiger hätte er Petric wenigstens erahnen müssen (links und vor ihm war kein Hamburger und irgendwo muss doch der gegnerische Stürmer stehen).
Hätte Robben das Ding nach 10 Minuten rein gemacht (oder zu Olic quer gelegt), hätten alle "Rib-Rob-Fußballgott" gerufen und die Bayern das Spiel nach Hause gekontert.
Van Gaal experimentiert wie ein Klinsmann im Quadrat. Doch bei ihm wird es von Seiten der Medien und der FCB-Führung (bisher noch) als Qualitätsausweis betrachtet. Warum war das eigentlich bei Klinsmann so ganz anders? Die Macht der Medien? Die Macht der ewig-gestrigen? Seis drum!
Die Bayern wirkten nicht nur gestern wie gehemmt. Die Spieler versuchen krampfhaft, den Vorstellungen eines van Gaals nach Ballbesitz und damit nach Spielkontrolle zu genügen, also seine Spielauffassung umzusetzen.
Bei der Zusammenstellung des Kaders ist das jedoch nicht adäquat. Freigeister wie Ribery und Robben brauchen Anarchie auf dem Platz, um ihr Potenzial voll und ganz entfalten zu können. Zu sehr in ein striktes System eingebunden verlieren diese Spielertypen viel von ihren einzigartigen Stärken. Dies war nicht nur gegen den HSV mehr als deutlich zu sehen.
Die andere, wieder krass zu Tage tretende Baustelle ist die Defensive. Mit Leuten wie Braafheid, Praijnic oder Breno hat man ausschließlich Luschen auf den Verteidigerpositionen. Das ist so augenfällig, das es schon weh tut. Man stelle sich vor, der erfahrenste in der Innenverteidigung, van Buyten, würde sich jetzt verletzen. Wer würde denn dann spielen?
Fazit: Die Mannschaft spielt gehemmt, weil sie nie weis, was gerade angesagt ist. Dazu ist der Kader extrem unausgeglichen zusammengestellt. Der FCB hat eine verdammt schwere Zeit vor sich.
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