Ein Kommentar von Josef Kelnberger

Herrlich verrückte Bundesliga: Die laufende Saison ist ein Fall für Anhänger der Chaostheorie. Nun fehlt nur noch die passende Pointe.

Als würde er von unsichtbaren Schnüren gezogen, so hoch hing der Mann mit der roten Regenjacke damals in der Luft, wie hieß er gleich wieder? Aus urzeitlichem Nebel tauchen die Erinnerungen auf, jetzt, da wieder Bayern gegen Hoffenheim spielt. Man glaubte die Zukunft des deutschen Fußballs gesehen zu haben beim Hinrundenspiel an jenem 5. Dezember 2008.

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Das wäre die passende Pointe zur Saison 08/09: Menschenverbesserer Klinsmann im Exil, und Zyniker Magath, bereits verkauft an seinen nächsten Finanzier, stemmt die Meisterschale. (© Foto: dpa)

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Kritiker begeisterten sich an einer Partie mit der Rasanz eines Duells zwischen Manchester United und FC Chelsea. Europäische Spitzenklasse, endlich. Luca Toni traf in letzter Minute zum 2:1 für die Bayern, und der Mann in der roten Jacke begann zu fliegen, ach ja: Jürgen Klinsmann. Erstmals gefeiert von den Bayern-Anhängern prophezeite er, Hoffenheim werde seinen Bayern bis Saisonende ein Duell um den Titel liefern. Sein Projekt hatten nun alle verstanden. Dachte er. Und irgendeine höhere Macht lachte.

Zukunft ist planbar, Entwicklungen verlaufen linear und das Ergebnis ist logisch zu begründen? Der Mensch müsste es längst besser wissen, aber er wird niemals lassen von dieser Illusion. Dabei ist diese Saison der Fußball-Bundesliga ein Fall für Anhänger der Chaostheorie. Der Flügelschlag eines Schmetterlings verändert die Welt. Erstmals in der Geschichte der Fußball-Bundesliga, so sieht es nun aus, werden am letzten Spieltag vier Mannschaften um den Titel kämpfen. Alles ist möglich.

Die Retro-Bayern, deren Welt nach Klinsmann wieder um den eigenen Nabel rotiert, als Sieger im Wettschießen gegen punktgleiche Wolfsburger. Die Bayern in ihrer Arena aus den Champions-League-Rängen geschossen vom neuen Meister namens Stuttgart. Der erste Bundesligatitel für Hertha und die Hauptstadt Berlin, im Jahr zwanzig nach der Wiedervereinigung. Oder die erste Meisterfeier beim VfL Wolfsburg, es wäre die passende Pointe unter diese Saison: Menschenverbesserer Klinsmann im Exil, und Zyniker Magath, bereits verkauft an seinen nächsten Finanzier, stemmt die Meisterschale. Der deutsche Fußball jedenfalls ist wieder ganz bei sich.

Europas Fußball mag dem Clash der Kulturen zwischen den Supermächten Spanien (Barcelona) und England (Manchester) im Finale der Champions League entgegenfiebern, aber die Deutschen feiern ihre Spaßmeisterschaft. Herrlich verrückte Bundesliga.

Livetabellen werden alle paar Minuten einen anderen Meister ausweisen, Reporterstimmen werden sich überschlagen in Konferenzschaltungen, Tor in Wolfsburg, Tor in München, Tor für Berlin, die Entscheidung wird in der Nachspielzeit fallen, wie 2001, als Bayern-Verteidiger Andersson in Hamburg einen Freistoß verwandelte und Schalke zum Meister der Herzen machte. Und irgendjemand wird bestimmt behaupten, dass es genau so kommen musste.

Der Mann, der im Dezember 2008 in seiner roten Jacke flog, ist in eine große Stille gefallen. Und falls er gelernt hat aus seinem Projekt Bayern, wird er die Nachrichten vom Saisonfinale mit einem gelassenen Lächeln hinnehmen.

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(SZ vom 15.05.2009)