Fußball-Bundesliga Schalke mit Mega-Krise

Wer hat Schuld an der Misere beim FC Schalke 04? Trainer Jens Keller hat keine Meriten mitgebracht, die ihm Respekt verschafften, und er hat nicht die Gabe des überzeugenden Auftritts - eine echte Chance hatte er nie. Daher gerät nun Manager Horst Heldt in den Fokus.

Ein Kommentar von Philipp Selldorf

Der Radio-Reporter, der am Samstag die Ehre hatte, vom 2:1-Siegtreffer der SpVgg Greuther Fürth in Gelsenkirchen berichten zu dürfen, wusste im ersten Augenblick nicht recht, welcher Neuigkeit er den Vorzug geben sollte. War der Sieg des Tabellenletzten die große Nachricht? Oder war es das Glück des Mike Büskens, der nun jubelnd auf den Platz rannte - just an dem Ort, an den er sein Herz als Fußballer verloren hat? Schließlich beschloss er, dass die Fortsetzung des Schalker Seelendramas die Story wäre. "Schalke hat die Mega-Krise", rief der Mann in sein Mikrofon, und tausend Ausrufezeichen schallten durchs ganze Land.

Die dem Alt-Griechischen entlehnte Vorsilbe Mega hat sich in der deutschen Sprache als Maßeinheit für eine Sache etabliert, die nicht bloß groß ist, sondern gigantisch. Der Reporter dürfte also das Lebensgefühl der Schalke-Fans getroffen haben, als er entschied, den Misserfolg gegen Fürth zum vernichtenden Schicksalsschlag zu erheben. Dabei hat ihr Leid womöglich gerade erst begonnen, denn als nächstes muss Schalke in München, in Mainz und in Istanbul antreten. Lauter Gegner, die aus heutiger Sicht mega-stark erscheinen.

Wird Jens Keller danach noch Trainer der Schalker Profis sein oder wird er sich bald wieder um die B-Jugend kümmern, die er vor der Beförderung nach Huub Stevens' Entlassung betreute? Horst Heldt hat zugesichert, dass der Schalker Vorstand keine anderen Pläne habe, aber der Manager weiß selbst, wie schwer es wird, die Entscheidungshoheit zu behalten.

Vor allem für Heldt selbst werden die kommenden zwei Wochen ein Kampf um die Reputation. Es gilt als legitim, einen Trainer zu entlassen, wenn der Erfolg ausbleibt. Aber es ist unverzeihlich, ein paar Wochen später den nächsten Trainer zu entlassen, weil der Misserfolg eine alles überragende Dimension angenommen hat.

Jens Keller mag, wie es Heldt und viele Spieler schildern, ein guter Fachmann und Methodiker sein. Aber für sein öffentliches Ansehen war das von Anfang an zweitrangig. Keller hat keine Meriten mitgebracht, die ihm den nötigen Respekt verschafften, und er besitzt nicht die Gabe des überzeugenden Auftritts, um das Ansehen zu erwerben, das ein Trainer bei einem von Emotionen beladenen und zutiefst fatalistischen Traditionsverein wie Schalke benötigt.

Er hatte nie eine Chance. Keller kann nichts dafür, dass es in seinem Team zwar drei Torhüter gibt, aber keine adäquate Nummer eins, und es ist nicht sein Verschulden, dass für ein geordnetes Abwehrspiel das geeignete Personal fehlt. Heldt hat aufrichtig geglaubt, er habe eine schlaue Lösung gefunden, doch er hat Schalke unterschätzt, und ja, es ist wahr: Nun hat Schalke die Mega-Krise.