Von Jürgen Schmieder

Grafite, Gomez, Pizarro, Woronin: In dieser Spielzeit prägen Stürmer das Spiel ihrer Mannschaft wie lange nicht mehr - weil sich das Anforderungsprofil verändert hat.

Vor langer Zeit, es ist schon so lange her, dass sich nur Menschen an sie erinnern, die auch Udo Latteks blauen Pulli kennen. Vor langer Zeit also, da war ein Stürmer leicht zu erkennen, was vor allem auch daran lag, dass man nicht auf dem gesamten Spielfeld nach ihm suchen musste, sondern nur in beiden Strafräumen. Es war der etwas kräftigere Herr mit einer "9" auf dem Rücken, über den der Trainer Hans Meyer - der sich sicher noch an Udo Latteks Pulli erinnert - einmal sagte: "Solchen Typen gibt man einen Stuhl in den Strafraum, sie müssen nur dann aufstehen, wenn der Ball kommt." Meyer formulierte diesen Satz auf Toni Polster, der sich vor allem am Ende seiner Karriere nur dann bewegte, wenn der Ball nicht weiter von ihm entfernt war als fünf Meter - und der trotzdem noch Tore schoss.

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Das erfolgreichste Duo der Saison: Edin Dzeko (oben) und Grafite. (© Foto: dpa)

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Nun hat der Fußball heutzutage mit dem, was früher auf dem Rasen gespielt wurde, nur noch den Namen gemein; einem Stürmer würde man heutzutage auch keinen Klappstuhl mehr hinstellen, sondern vielmehr einen elektrischen Segway-Roller. Es ist ein diffiziles Spiel geworden mit Fitness-Tests, Taktik-Analysen auf dem Laptop und Videoüberwachung selbst beim Training. Und so wurde es in den vergangenen Jahren immer schwerer, einen Stürmer zu identifizieren.

Das lag nicht etwa daran, dass Angreifer heutzutage eine "23" auf dem Rücken tragen oder eine "19" oder auch eine "24" - es lag auch daran, dass vom eigentlichen Anforderungsprofil ("Tore schießen") nicht mehr viel übrig geblieben war. Meisterschaften, so hieß es, würden durch eine stabile Abwehr gewonnen oder ein clever verschiebendes defensives Mittelfeld, das Gleiche galt zur Verhinderung des Abstiegs. Aber Stürmer als Meisterschaftsgaranten oder Anti-Abstiegs-Versicherungen? Das klang wie eine Utopie aus einer längst vergangenen Gerd-Müller-Zeit.

Nun erlebt der Torjäger - in der Bundesliga scheinbar ausgestorben wie der Libero oder Lothar Matthäus - eine Renaissance. Ob es nun grandiose Einzelkönner sind wie Mario Gomez beim VfB Stuttgart oder Claudio Pizarro bei Werder Bremen oder auch Artur Wichniarek bei Arminia Bielefeld, Duos wie Grafite/Dzeko beim VfL Wolfsburg oder gar Trios wie Olic/Petric/Guerrero beim HSV: Die Stürmer prägen diese Spielzeit wie seit Jahren nicht mehr.

Dabei wollten Theoretiker dieses Sports neue Positionen ausgemacht haben auf dem Spielfeld, weil anarchistische Ausnahmekönner scheinbar wild herumwuselten und man sich schwertat, sie irgendwie zu greifen. Lionel Messi wurde zur "Neuneinhalb", Ronaldinho zur "stürmenden Zehn". Der Torjäger war wie der Spielmacher in der Bundesliga eine bedrohte Spezies, weil in diesem athletischen und taktisch ausgefeilten Sport kein Platz mehr zu sein schien für einen, der einen Stuhl im Strafraum braucht.

Das Erzielen von Toren gehörte nur noch zu den Sekundärtugenden eines Stürmers, er sollte gar - welch ein Skandal - Verteidiger an vorderster Front sein. Hätte ein Trainer von Gerd Müller gefordert, er solle einem Gegenspieler hinterherlaufen, hätte der wohl seine sieben Torjägerkanonen zurückgegeben und wäre mit einem Klappstuhl bewaffnet eher in die Vereinigten Staaten ausgewandert.

Freilich hat sich das Profil des Stürmers verändert, sie haben sich von Spielzug-Beendern zu Spielzug-Gestaltern entwickelt. Bei der Best-of-Four-Serie zwischen dem Hamburger SV und Werder Bremen war dies besonders deutlich zu sehen, als Ivica Olic auf Hamburger und Claudio Pizarro auf Bremer Seite Stationen sowohl während als auch am Ende der Spielzüge waren. "Wichtig sind bei Stürmern nicht mehr nur Tore, sondern auch, dass sie sich einbringen ins Spiel", sagte Bremens Trainer Thomas Schaaf kürzlich.

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