Fußball-Bundesliga Rache der Rumpelfüßler

Die Verletzung von Boateng lenkt den Blick auf eine neue Entwicklung auf dem Transfermarkt. Die einst so unpopulären Innenverteidiger sind eine rare Ware.

Von Christof Kneer

Die neuesten Favoriten heißen Vegard Forren und Federico Barba. Bei Ersterem handelt es sich angeblich um einen norwegischen Fußballprofi aus Molde; der zweite Name gehört laut übereinstimmender Quellenlage (Wikipedia, kicker, Robin Dutt) einem Italiener, der beim FC Empoli beschäftigt ist. Beiden Männern ist der gewöhnliche Bundesligazuschauer noch nie in seinem Bundesligazuschauerleben begegnet, was sich aber ändern könnte. Beide Männer könnten in den nächsten Stunden noch durchs sogenannte Transferfenster schlüpfen, wie man in der Fachsprache sagt. Es könnte sein, dass der eine - Forren - bald für Hannover 96 verteidigt, während der andere - Barba - sich dem VfB Stuttgart anschließt. Es könnte aber genauso gut sein, dass sie nur ein paar kurze Schlagzeilen lang die Favoriten für eine Planstelle in einer Bundesliga-Abwehr waren. Und dass sie aus den Schlagzeilen genauso schnell verschwinden wie der Österreicher Kevin Wimmer, auf den Hannover und Stuttgart ebenfalls vorübergehend spekulierten.

Aber Wimmer, früher 1. FC Köln, kann im Moment unmöglich nach Hannover oder Stuttgart wechseln. Bei Tottenham Hotspur, seinem aktuellen Verein, spielt er zwar kaum bis nie, aber laut Wikipedia gehört dieser Verein der englischen Premier League an. Und Premier-League-Klubs sind dank ihrer respektlosen TV-Verträge auf Transfereinnahmen nicht mehr angewiesen. Sie haben mehr Kohle, als sie jemals unter die Leute bringen können.

Zwar lässt sich Ähnliches auch von dem nicht der Premier League angehörigen FC Bayern behaupten, dennoch ahnen die Bayern, wie es Hannoveranern und Stuttgartern gerade geht. Beide Klubs suchen dringend einen Innenverteidiger, und auch bei den Bayern haben sie nach der Verletzung des Innenverteidigers Jérôme Boateng (Muskelbündelriss im Adduktorenbereich) kurz überlegt, ob sie vielleicht auch auf der Suche sein sollen. Die Klub-Autoritäten haben über Kauf- und Leihmodelle beraten und dann beschlossen, dass sie ihre Kohle lieber behalten.

Der Klassiker: 1988 mussten Verteidiger wie Jürgen Kohler (l.) nur ihre Stürmer bewachen (hier Marco van Basten).

(Foto: Bongarts/Getty Images)

"Wir müssen die Nerven bewahren. SOS-Lösungen, wie sie plötzlich durch die Öffentlichkeit geistern, werden uns nicht weiterhelfen", lässt Klubchef Karl-Heinz Rummenigge nun also im offiziellen Stadionheft mitteilen, "gute Spieler werden im Winter nicht abgegeben, Notkäufe bleiben, was sie sind und kosten nur Geld."

Die Bayern wissen, wovon sie schreiben. Nach einer Verletzung von Javier Martínez haben sie mal für etwa 26 Millionen Euro einen Verteidiger namens Medhi Benatia notgekauft, und in der Statistik dieses Spielers finden sich seitdem ungefähr so viele Muskelverletzungen wie Einsätze in der bayerischen Startformation.

Für die Innenverteidiger auf dieser Welt sind solche Debatten natürlich eine prima Sache. Sie sind ja jahrzehntelang erniedrigt worden, man hat sie "Rumpelfüße", "Klopper" oder "Holzböcke" genannt, und man musste als Innenverteidiger schon menschenrechtswidrig umeinandergrätschen, um von einer kleinen Fangemeinde mit schwerer Kindheit wenigstens zum Kult ernannt zu werden. Bis heute erzählt man ehrfürchtig von Spielern, die "der Schlächter von Bilbao" getauft wurden oder, hierzulande, "Rambo", "Eisenfuß" und "Axt". In den vergangenen paar Jahren sind die einstigen Unholde dann im Zuge der Weiterentwicklung des Spiels immer mehr in die Mitte der Gesellschaft gerückt, und ganz aktuell können sie ihr Leben mehr genießen als je zuvor. Sie sind jetzt richtig rare Ware.

Der Moment, der die Bayern ins Grübeln brachte: Brauchen sie Ersatz für den verletzten Boateng? Sie haben sich dagegen entscheiden.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Länder- und ligenübergreifend buhlen die Klubs inzwischen um Innenverteidiger, und egal, ob Bayern, Liverpool, Hannover oder Stuttgart, sie alle machen beim Liebeswerben dieselbe Erfahrung: Die vormaligen Rumpelfüßler rächen sich für angetanes Leid, indem sie verdammt wählerisch und skandalös teuer geworden sind.

Der prominente Name Boateng hat den Blick der Öffentlichkeit nun auf dieses Phänomen gelenkt, das in der Branche schon länger bekannt ist. "Fast alle Klubs suchen Innenverteidiger, und praktisch alle haben ein Problem, den passenden zu finden", sagt Stuttgarts Sportchef Robin Dutt. Innenverteidiger sollen heute ja einerseits eine künstlerische Ader fürs Aufbauspiel besitzen und andererseits mindestens so unüberwindlich sein wie früher Karlheinz Förster oder Jürgen Kohler, und so haben sich zwei parallel verlaufende Trends gegenseitig hochgeschaukelt: Die an sich sehr schöne Erkenntnis, dass der Innenverteidiger eine zentrale Figur im Team sein kann, platzt genau in eine Zeit, in der die Preise ohnehin eskalieren.

"Ich könnte zehn Innenverteidiger zum Preis von zwei Millionen haben", sagt Dutt, "aber die sind dann nicht unbedingt besser als die, die ich schon habe." Und die, die mutmaßlich besser wären, kosten inzwischen das Fünffache; so wie der Wolfsburger Reservist Timm Klose, der gerade für elf Millionen zu Norwich City gewechselt ist, das laut Wikipedia in der englischen Premier League spielt.

Das ist die bedenkliche Nachricht des Wintertransfermarkts, die im Sommer gewiss noch bedenklicher ausfallen wird: Innenverteidiger sind in jedem Fall dramatisch überteuert, sowohl für notleidende Klubs wie auch für die Schönen und Superreichen. Hätte sich der FC Bayern zum Beispiel entschieden, die Boateng-Verletzung mit einer Verpflichtung des seit Längerem beobachteten Aymeric Laporte zu kontern, dann wären sie wohl 50 Millionen Euro losgeworden - für einen 21-jährigen Franzosen von Atletic Bilbao, der, so Bayerns Analyse, schon recht weit, aber eben noch nicht fertig entwickelt ist.

Und unter uns: dafür 50 Millionen?

Die Ordentlichen kosten so viel wie sehr Gute, sehr Gute kosten so viel wie Weltstars, und Weltstars gibt es auf dieser Position im Moment kaum. Es gibt Boateng, den Spanier Ramos, vielleicht noch Thiago Silva, den alten Brasilianer - und natürlich, als Geheimtipp, den Briten John Stones. Der 21-Jährige spielt beim FC Everton, noch; im Sommer wird er sich wohl von einem Spitzenklub kaufen lassen.

Kostenpunkt? In der Branche rechnen sie mit 70, eher 80 Millionen. Mit einem Angebot von 50 Millionen, sagt ein Transferexperte, würde man jedenfalls nicht mal zur Klubsekretärin durchgestellt.