Fußball-Bundesliga Opfer einer Chaos-Saison

Die Bundesliga-Abschlusstabelle sieht aus wie ein Irrtum - dient aber als Beleg eines Umsturzes. Allerdings ist es eine besonders üble Pointe, dass für die Entwicklung dieser Spielzeit ausgerechnet Eintracht Frankfurt büßen muss.

Ein Kommentar von Philipp Selldorf

Die Tabelle lügt nicht, sie sagt immer die Wahrheit. Diese Standards der Fußballphilosophie schmerzen zwar in den Ohren wie der singende Bohrer des Zahnarztes, sie haben aber auch ihre Verdienste, wenn es darum geht, mit wissenschaftlicher Präzision den Lauf einer Saison zu erklären. Auch die Tabelle dieser Saison ist ein empirisches Zeugnis, und es besagt unwiderlegbar, dass ein Umsturz die herrschenden Verhältnisse in Deutschland erschüttert hat.

Die Tabelle sieht aus wie ein Irrtum. Tragende Bauteile der Rangliste scheinen verwechselt worden zu sein. So finden sich auf den Plätzen vier bis sieben Hannover, Mainz, Nürnberg und Kaiserslautern, während auf den Plätzen zwölf bis fünfzehn Stuttgart, Bremen, Schalke und Wolfsburg notiert sind. Dortmund und Bayern setzen das Spiel der verdrehten Hausnummern auf hohem Niveau fort.

Vereinfacht lautet das Resümee: Was die (relativ) Großen falsch gemacht haben, das haben die (relativ) Kleinen richtig gemacht. Ob daraus eine neue gesellschaftliche Ordnung in der Liga hervorgeht oder ob das Missverhältnis zwischen Prominenz und Provinz ein historisch einmaliges Intermezzo bleibt, weiß erst mal kein Mensch.

Am meisten für diesen Putsch büßen muss Eintracht Frankfurt, besonders der Chefideologe Heribert Bruchhagen. Der Mann ist ein Veteran des Fußballgeschäfts und steht im Ruf, ein Verfechter des radikalen Realismus zu sein. Die Bundesliga hat er all die Jahre als Klassensystem erklärt, deren Ordnung sich zwingend aus den finanziellen Möglichkeiten der Wettbewerber ergibt. Je höher das Budget, desto höher der Tabellenplatz, auf diesem Prinzip beruhte sein Denken.

Und nun ist ausgerechnet seine Eintracht das Opfer einer Chaos-Saison, jener Klub, dessen Vordenker die Möglichkeit des Chaos-Falls stets verworfen hat. Wie oft hat Bruchhagen gekämpft gegen die seiner Meinung nach naive Sehnsucht der Frankfurter, aus dem Mittelmaß auszubrechen? Und nun ließ ihn im Winter, als die Eintracht Siebter war, ein böser Geist selbst davon träumen, dass der Klub sein graues Revier verlassen könnte. Als er misstrauisch wurde, war es zu spät. Als er sich entscheiden musste, hat er Christoph Daum verpflichtet.

Die Eintracht ist in dieser Saison nicht durch Cleverness aufgefallen, deshalb steigt sie ab. Aber sie fällt nicht ins Chaos. Wenn der Klub jetzt die Verantwortung teilt und dem seriösen Vorstandschef einen Sportmanager zur Seite stellt, zieht er die richtige Lehre. Die Eintracht kommt wieder. Über Christoph Daum lässt sich das nicht so bestimmt sagen.

Feuchte Pressekonferenz

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