Von Jörg Marwedel

Valerién Ismaël von Hannover 96 kämpft um einen guten Abschluss der Karriere - und erlebt derzeit, wie "brutal" seine Branche sein kann.

Wenn Valerién Ismaël mit seinen früheren Mitspielern Paul Stalteri oder Johan Micoud telefoniert oder auf dem Spielfeld die damaligen Kollegen Fabian Ernst oder Mladen Krstajic als Gegner trifft, denkt er sofort an das "perfekteste Jahr" seiner Karriere. Es war die Spielzeit 2003/04, als er mit Werder Bremen das Double gewann. Er merkt in diesen Momenten, "dass wir damals etwas zusammen erlebt haben". Später, beim FC Bayern, wo noch mehr "alles auf den Erfolg ausgerichtet war", seien diese Gefühle "nicht mehr so tief" gegangen. Und jetzt, bei seinem dritten Klub in Deutschland, Hannover 96? "Das ist eine andere Phase", sagt der Franzose. Die große Karriere liege ja mit bald 33 Jahren hinter ihm. Ismaël meint, er müsse jetzt den jüngeren Spielern Tipps geben. Er bereitet sich inzwischen auf die Zeit danach vor - als Trainer oder Sportdirektor.

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Frustriert in Hannover: Valerién Ismaël. (© Foto: Getty)

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Nie mehr hundert Prozent

Derzeit erlebt Ismaël, wie "brutal" seine Branche sein kann. Ein Führungsspieler, der seinen eigenen Ansprüchen nicht nachkommen kann, weil er schlicht "müde" ist und "Schwächen" zeigt - das ist so ziemlich das Schlimmste, was einem Profi passieren kann. Er findet, dass ihn die hannoversche Presse zum alleinigen Sündenbock für den Fehlstart der ambitionierten 96er mit nur einem Punkt aus drei Spielen gemacht habe. "Populismus", nennt er das.

Nach einem Gespräch mit Trainer Dieter Hecking hat er jüngst auf seinen Einsatz beim Bundesliga-Spiel beim VfB Stuttgart verzichtet - weil er "nicht frei im Kopf war". Glaubt man Ismaël, hat er selber auf seinen Einsatz verzichtet. Aber vielleicht hat ja auch Hecking ihn dazu veranlasst. Oder es war eine Mischung aus beidem.

"Man muss ehrlich zu sich selber sein", sagt Valerién Ismaël. Natürlich habe er nach den in München erlittenen Beinbrüchen, die ihn über ein Jahr außer Gefecht setzten, viele Fragen gehabt. Beim kleinsten Signal, das sein Körper gegeben habe, schrillten bei ihm, wie er sagt, die Alarmglocken. Das Kuriose ist: Die Knochen hielten, nur die Müdigkeit nach der ersten kompletten Saisonvorbereitung seit 2005 habe ihm zu schaffen gemacht. "Er war ganz unten", sagt Trainer Hecking. Er sagt aber auch einen Satz, den nur der ehrliche Ismaël verstehen kann: "Er wird nie wieder zu hundert Prozent so spielen können, wie es sein Anspruch ist."

"Vormarschieren und die Richtung zeigen"

Man wird nun sehen, ob der Führungsspieler Ismaël trotzdem noch wertvoll ist, wie man das von ihm im Januar annahm, als er verpflichtet wurde. Derzeit wird in Hannover schon darüber spekuliert, ob der in Wolfsburg ausgemusterte Verteidiger Alexander Madlung in der Winterpause verpflichtet wird. Ob Ismael in wichtigen Spiel gegen Mönchengladbach am Sonntag wieder aufläuft? "Er hat eine Chance", sagt Hecking ausweichend. Ismael aber glaubt, dass er sein Tief überwunden habe. Er möchte wieder lenken, oder wie er sagt: "Vormarschieren und die Richtung zeigen."

Beim Training ist er jetzt wieder der Lauteste. Vermutlich könnte man aus seinen vielen Schimpfwörtern ein Kompendium herausgeben. Er möchte der Mannschaft eben gern beim nächsten Lernprozess helfen. Eine neue Mentalität zu entwickeln, die nach zwei Siegen nicht gleich in Euphorie ausbreche - sondern Erfolge als Normalität ansehe. Zudem sei es nicht leicht, ein Team, das sich bislang eher als Gemeinschaft verstand, in dem viele Profis ihren Platz sicher hatten, nun in eine Mannschaft zu verwandeln, in der es wegen des verstärkten Kaders Konkurrenzkampf gibt. "Das ist in der Theorie sehr schön, aber in Wirklichkeit nicht einfach", sagt Ismaël.

Und dann appelliert er noch einmal an die "Geduld". Auch bei Werder habe man im Meisterjahr einen Fehlstart gehabt, mit dem denkwürdigen 0:4 im Uefa-Cup in Pasching, Österreich. Beim FC Bayern habe man trotz zweier siegloser Auftaktspiele ebenfalls die Ruhe bewahrt und dann gegen Hertha gezeigt, "dass man noch da ist". Ob sie in Hannover auch mit dem müden Führungsspieler Ismaël so viel Geduld haben werden, ist ungewiss.

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(SZ vom 12.09.2008/mb)