HSV-Trainer Martin Jol ist zunehmend genervt vom Transfergerangel um seinen niederländischen Landsmann Rafael van der Vaart: "Es wäre gut, wenn jetzt Ruhe in die Bude kommt."
Die Anhänger des Hamburger SV packen schon wieder die gleichen Witze aus wie vor einem Jahr, als Rafael van der Vaart unbedingt zum FC Valencia wechseln wollte und sich sogar mit einem Trikot der Spanier ablichten ließ. "Geh' nur zu Real", sagen manche, "es reicht, wenn du Sylvie hier lässt." Die attraktive Ehefrau, die Hamburg angeblich so gerne mag, ist in der Hansestadt mal wieder populärer als ihr Gatte. Auch Martin Jol, der neue HSV-Coach, ist mittlerweile ziemlich genervt von seinem niederländischen Landsmann. Beim Turnier in London, bei dem der HSV ausgerechnet gegen Real Madrid (1:2 am Samstag) sowie gegen Juventus Turin (3:0 am Sonntag) antrat, verzichtete Jol auf den Einsatz seines Kapitäns. "Ich habe in den letzten Tagen gemerkt, dass es zum Problem wird - für ihn und für mich." Van der Vaart, 25, sei "mental nicht hundertprozentig bei der Sache", urteilte der Trainer.
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Der Rummel in den letzten Wochen "hat uns nicht gutgetan": HSV-Trainer Martin Jol (links) mit Rafael van der Vaart. (© Foto: dpa)
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Mit anderen Worten: Der Spielmacher ist innerlich nicht mehr beim HSV. Es sei, wie er der spanischen Zeitung As am Sonntag verriet, "ein Traum, bei Real zu spielen". Sollte der Transfer klappen, wäre er "ein glücklicher Mensch". Das Problem ist: Real möchte für den Regisseur, dessen Marktwert laut Jol etwa 30 Millionen Euro betrage, so wenig wie möglich bezahlen, weil er im Sommer 2009 für eine Million den Verein wechseln kann. Es sieht derzeit so aus, als wollte allein Trainer Bernd Schuster den Niederländer sofort haben - während Verantwortliche wie Sportchef Predrag Mijatovic (dessen Verhältnis zu Schuster recht unterkühlt ist) und Klubboss Ramon Calderon den Spielmacher eigentlich erst in einem Jahr verpflichten wollen.
Deshalb haben sie ihr anfängliches Angebot über sieben Millionen gerade mal auf neun Millionen erhöht (plus zwei Millionen, falls sie mit van der Vaart weitere Titel gewinnen). Ein Bruchteil also im Vergleich zu jenen 85 Millionen, die man angeblich für Cristiano Ronaldo an Manchester United zu zahlen bereit wäre. "Lächerlich", meint Jol. So ein Angebot sei "auch eine Frage des Respekts - Rafael sieht das genau so". Und HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer sagt: "Das Angebot war bei weitem nicht akzeptabel."
Sneijder schwer verletzt
Vielleicht käme ja "nächste Woche noch was", glaubt Beiersdorfer, "aber wir können ja nicht den Job von Real Madrid machen". So ist das Gerangel um van der Vaart erneut zu "einer Sitcom" geworden, wie HSV-Profi Vincent Kompany findet. Eventuell kommt etwas Dynamik in die Angelegenheit, nachdem sich Reals Mittelfeldspieler Wesley Sneijder im sonntäglichen Duell mit dem FCArsenal zumindest einen Innenbandriss im Knie zugezogen hat.
"Real hat ein Angebot gemacht, das Hamburg nicht akzeptiert. Ich bleibe so lange Kapitän des HSV, bis etwas anderes passiert", sagt van der Vaart, der sich diesmal mit öffentlichen Äußerungen relativ zurückhält. Immerhin gibt es beim HSV intern eine klare Absprache mit van der Vaart. Sei jemand in diesem Jahr bereit, 14,6 Millionen Ablöse auszugeben (inklusive jener 20 Prozent, die der HSV bei einem Weiterverkauf noch an seinen früheren Verein Ajax Amsterdam zu zahlen hätte), würden die Hamburger ihn aus seinem Vertrag entlassen.
Nicht nur für Jol, der mit diesem Geld wenigstens neue Spieler erwerben könnte, ist dieser Betrag das Mindeste. Auch der HSV-Aufsichtsrat würde eine niedrigere Summe kaum gutheißen. Der Vorstand hätte mit heftigem Gegenwind zu rechnen.
"Es wäre gut, wenn jetzt Ruhe in die Bude kommt"
Dass Beiersdorfer aber wohl von einem Wechsel van der Vaarts ausgeht, lässt sich aus seinen Äußerungen über mögliche Neuverpflichtungen heraushören. "Wir haben Verstärkungen im Auge, werden noch den einen oder anderen Transfer machen", sagte er am Samstag. Bislang hieß es, ohne Verkäufe eigener Spieler sei kein Geld da. Vor allem im Angriff soll noch etwas getan werden. Ob es auch für van der Vaart einen Nachfolger gibt? "Es ist nicht leicht, einen Spieler seiner Güte zu bekommen", sagt Beiersdorfer.
Womöglich wird man es mit einem eigenen Mann versuchen, mit Piotr Trochowski. Der aber wird kaum so dominant sein wie der bisherige Kapitän, der auch nach Meinung Jols dem HSV-Spiel das Gepräge gab und in 74 Bundesligaspielen immerhin 29 Tore erzielte.
Ob ihm die HSV-Fans, falls der Wechsel scheitert, das neuerliche Gerangel um seinen Traum Spanien und die offensichtliche innere Abkehr vom HSV ein weiteres Mal verzeihen würden? Martin Jol würde darüber hinwegsehen. Aber auch der Trainer hofft: "Es wäre gut, wenn jetzt Ruhe in die Bude kommt." Der Rummel in den letzten Wochen "hat uns nicht gutgetan".
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(SZ vom 04.08.2008/mb)
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