Jürgen Klinsmann träumt nicht vor dem Rückspiel gegen Barcelona, aber er rechnet und weiß, dass dieses Spiel dennoch ein Gradmesser sein wird, wenn es um seinen Verbleib beim FC Bayern geht.
Falls sie sich beim FC Bayern zuletzt nicht mehr ganz sicher gewesen sein sollten, was sie an Jürgen Klinsmann haben, so erhielten die Münchner zumindest am Ostermontag ein paar wertvolle Hinweise. Ob ihr Trainer samt Mannschaft höchsten internationalen Ansprüchen genüge, ist ja spätestens seit einer knappen Woche eine gute Frage, doch bei der Medienrunde am Tag vor dem Viertelfinal-Rückspiel der Champions League gegen den FC Barcelona punktete Klinsmann unwiderstehlich.
Jürgen Klinsmann vor dem Spiel gegen den FC Barcelona. (© Foto: dpa)
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Auch ohne Übersetzung parierte er die Fragen der spanischen Delegation, und Philipp Lahm schaute zwischendurch tatsächlich auf zu seinem Trainer, als dieser in bestem Englisch parlierte und cool schloss mit seinem aktuellen Lebensmotto für diese ungemütlichen Tage mit "Kritik und Hieben": "Just ignore it!"
Vielleicht werden also am Dienstagabend vor dem Anpfiff doch mal wieder die Fotografen auch die Trainerbank der Gäste beehren. Josep Guardiola, den momentan umschwärmtesten Trainernovizen des Planeten, müssen sie zwar wegen dessen Sperre auf der Tribüne suchen.
Und trotzdem stehen diesmal ja neben einer schwäbischen Reizfigur auch andere Motive an der Seitenlinie zur Verfügung als noch am Ostersamstag; da konnten es sich der Neusser Trainersaurier Friedhelm Funkel und der Ersatzspieler Leony Kweuke aus Kamerun unbehelligt gemütlich machten - und eben nicht die juvenile Lichtgestalt Lionel Messi.
Alles, was irgendwie ein Objektiv tragen kann, schubste und drängelte also beim ultimativen Knüller gegen Eintracht Frankfurt vor der Bayern-Bank, als begebe sich Klinsmann nicht an seinen Arbeitsplatz. Sondern sogleich aufs Schafott. Es geht eben seit dem endzeitlichen 0:4 von Barcelona nicht mehr nur um Fußball; das Königlich Bayerische Amtsgericht klagt Klinsmann an, unter Vortäuschung falscher Tatsachen weitaus mehr Schuld auf sich geladen zu haben als einen Misserfolg im Europacup gegen den Trendsetter des Weltfußballs.
Das Selbstwertgefühl und die Ehre sind zerstört seit diesem Nullvier, "wir stecken alle in der Scheiße", formuliert es der kölsche Lyriker Lukas Podolski instinktsicher. Unter die Ankläger gesellte sich gar der für seine Urteilsschärfe einige Jahre geachtete Altstar Günter Netzer, der als Kolumnist meldete, Klinsmann sei mit "Arroganz und Selbstüberschätzung" bei den Bayern gescheitert.
Klinsmann hat das moderat erregt pariert ("Der war noch nie da und gibt Dinge von sich, von denen er letztlich keine Ahnung hat") und weiß dennoch, dass an seiner Lage auch ein Viernull gegen eine allenfalls physisch anwesende Eintracht nullkommanull verändert hat. Denn dem sommerlichen Vortrag bei diesem Trainerendspiel hatte Franck Ribéry mit seinem Winkelschuss nach nur 132 Sekunden jede Brisanz genommen, und nach dem nicht minder hübschen 2:0, das Luca Toni auf Ribérys frechen Freistoßheber volley folgen ließ, stammten die "Klinsmann-raus"-Gesänge lange Zeit von hessischen Kurvenstehern.
Eine gewisse Nervenstärke durften die Bayern also für sich reklamieren, auch der Trainer, dessen aufrechter Gang durch den Orkan der Kritik nicht allein das Ergebnis seiner intensiven Schulungen durch Personal Coaching ist. Klinsmann glaubt weiterhin an einen guten Ausgang der landesweit beachteten Seifenoper, notorisch kämpferisch und mit neuem Torwart (s. Text unten) möchte er sich jetzt endgültig nur dem "nackten Ergebnis" widmen. Nicht nur beim nächsten Knüller, am Samstag in Bielefeld.
Nicht noch ein Jahr Uefa-Pokal
Das Rückspiel gegen Barca hat er jedenfalls bei der Uefa nicht mehr absagen können. Überflüssig eigentlich, dachte man sich ja noch vor Tagen, was für ein lästiges Duell nach jener Partie, welche das bayerische Ego lange belasten wird. Doch Klinsmann hofft natürlich, dass auch der zweite Vergleich mit Barcelona in die Bewertung einfließen könnte, wenn in den nächsten Wochen der Richterspruch über seinen Verbleib ergeht. "Dieses Spiel ist ein Gradmesser für uns, um nach vorne schauen zu können", sagt er mutig, "die Träumerei, wir hauen denen vier oder fünf Dinger rein, haben wir aber trotzdem nicht."
Dennoch sind am Dienstag wohl deutlich mehr Argumente in eigener Sache zu sammeln als gegen Funkels fade Frankfurter. Niemand weiß ja, ob es das wirklich gibt: dass eine Mannschaft gegen ihren Trainer spielt. Zumindest gegen die Eintracht standen die Bayern-Profis ganz sicher nur sich selbst nahe, wie Kapitän Mark van Bommel bekannte: "Es sind nicht nur Endspiele für den Trainer, sondern auch für uns. Wir wollen Meister werden - noch ein Jahr Uefa-Pokal, das will ich nicht, das will die Mannschaft nicht und auch nicht der Verein."
Einstweilen will diese Zweckgemeinschaft also funktionieren und nun versuchen, das 0:4 von Camp Nou als "Ausrutscher geradezurücken", wie der genesene Linksverteidiger Lahm hofft. Die von den Seismographen des Transfermarktes angeblich registrierten Nachfolgekandidaten Frank Rijkaard (arbeitslos) oder Louis van Gaal (AZ Alkmaar) bleiben vorerst unerwünschte Personen. Vermutlich schauen aber auch sie bereits gebannt: nach Bielefeld.
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(SZ vom 14.04.2009/jüsc)
Freundschaft zwischen den Geschlechtern
Der FC Bayern vor Klinsmann war ein FC Bayern für Warmduscher.
Klinsmann ist zwar als Trainer beim FC Bayern mit Pauken und Trompeten gescheitert, aber er hat sich trotzdem um den Münchner Fußball verdient gemacht:
Endlich weiß ich als alter Bayern-Fan (seit 1965) wie sich 60er-Fans fühlen. Und vielleicht bekommt Herr Klinsmann ja die Chance, dieses Verständnis noch zu vertiefen (zusammen mit dem Niveau des FC Bayern).
Im Ernst: Klinsmann baut nicht auf oder um - er zerstört, und ich hoffe inständig, dass das Bayern-Management diesen Fehlgriff schnell korrigiert und einen Trainer mit Sachverstand statt Visionen holt und die Mannschaft so verstärkt, dass die Leistungsträger gehalten werden können, denn sonst wirds spätestens nach der nächsten Saison ganz bitter.
Denn dann wollen die Spitzenspieler weg und weder gute Spieler noch gute Trainer werden sich noch für den FC Bayern interessieren.
Da erwischen Sie mich jetzt aber auf dem falschen Fuß! Tatsächlich - und das gestehe ich ungern ein - habe ich keine Ahnung, ob Herr Klinsmann ein guter Trainer ist oder nicht. Der dritte Platz und das "Sommermärchen" wurden ja vielfach relativiert. Das Problem ist aber wohl, dass keiner weiß, ob Klinsmann ein guter Trainer ist, weil er eben nicht über Erfahrung verfügt.
Nachdenklich stimmen mich allerdings einige charakterliche Schwächen als Trainer. Dies galt schon für die Fälle Wörns und Huth - vielleicht bekannter Kahn vor der WM 2006 und wiederholt sich nun im Falle Rensing. Ich denke, es ist der geradere Weg, einem Spieler zu sagen, was man von ihm hält und reinen Tisch zu machen anstatt ihn in Hoffnung zu wiegen, Komplimente zu machen und dann abzuservieren.
Ich muss Ihnen auch in vielen Punkten Recht geben. Natürlich ist Geld nicht der einzige Faktor um erfolgreich Fußball spielen zu lassen. Und Arsene Wenger darf man mit Sicherheit als Trainergott bezeichnen. Dass überdies eine Diktatur die effizientere Regierungsform darstellt, möchte ich auch nicht in Abrede stellen.
Aus den von Ihnen aufgegriffenen Gründen, schließe ich mich auch nicht der Hetzjagd auf Klinsmann an. Veränderung wurde beim FCB gefordert. Veränderung haben sie bekommen. 1:5, 5:1, 0:4...Klar ist, die Spieler haben das Spielsystem Klinsmanns (sofern das existiert) nicht verstanden, bzw. nicht umsetzen können.
Obwohl ich Klinsmann aus diversen Gründen nicht leiden kann, wünsche ich mir die Fortsetzung seiner Arbeit beim FCB. Und da schliesst sich der Kreis. Wenger gilt als großes Vorbild von Klinsmann. Vielleicht brauch er tatsächlich einfach noch die Zeit, um seine Visionen umszusetzen. Auch Wenger ist mit Arsenal nicht im ersten Jahr erfolgreich gewesen. Da Hoeneß und Kalle den Klinsi trotz all der Risiken geholt haben, halte ich es auch nicht für ausgeschlossen, dass er diese Zeit tatsächlich bekommt - vorausgesetzt er holt den Titel. Natürlich brauch auch Klinsmann Zeit um das Prinzip Bayern zu verstehen, und wohl auch um an seiner Aussendarstellung zu arbeiten.
Denn, der "Rückschritt" zu Hitzfeldschem Sicherheitsfußball ist offensichtlich unerwünscht. Und Klinsi müßte wohl auch viel Geld in die Hände nehmen, um die Spieler zu verpflichten, die sein Spielsystem verstehen und umsetzen können. Dieses Risiko könnte sich für Bayern auszahlen. Schaun mer mal.
Ja, ein interessanter Aspekt. Ich hatte leztlich Gelegenheit drei Spiele des HSV in kurzen Zeitabständen zu beobachten. Ich dachte mir, mit dem Spieler Olic haben die Bayern sicher einen guten Transfer getätigt, aber, wenn man einen Spieler aus dieser Mannschaft herausstellen will, dann ist das Trochowski - das Herz dieses Teams. Der nicht nur den Weggang eines van der Vaarts vergessen gemacht hat, sonder einer der besten deutschen Mittelfeldspieler überhaupt ist mit einem unglaublichen Potenzial. Sicher, die Entwicklung eines solchen Spielers braucht seine Zeit.
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