Von Ralf Wiegand

Es wäre ein einmaliger Vorgang im deutschen Profi-Fußball: Die Fans des Hamburger SV wollen in die Chefetage des Klubs.

Der 46. Geburtstag hatte schon gut angefangen für Bernd Hoffmann. Jedes seiner vier Kinder trat am Morgen des vergangenen Mittwochs mit einer Rose in der Hand an sein Bett, um ihm zu gratulieren. "Da konnte ja schon gar nichts mehr schiefgehen", sagt Hoffmann ein paar Stunden später vergnügt - und es kam sogar noch besser.

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Die Fans des Hamburger SV wollen bei ihrem Klub die Macht übernehmen. (© Foto: Getty)

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Im Laufe der Nacht hatte Manchester City, seit kurzem im Besitz von Scheich Mansour bin Zayed al Nayan aus Abu Dhabi, für den Einkauf des Hamburger Defensivspielers Nigel de Jong tatsächlich 18 Millionen Euro lockergemacht. "Das kann man nicht ablehnen", sagt Hoffmann. Er formulierte noch vor dem Frühstück mit seiner Vorstandskollegin Katja Kraus den Text, in dem der Verein später den Abschied des Holländers bekanntgab.

Was für ein Kerl: Auch an seinem Geburtstag ruht der emsige Klubchef nicht, sondern verschafft dem HSV die höchste Transfereinnahme seiner Geschichte. Und so einen wollen die Fans nicht mehr haben? Gegen den ist ein von langer Hand geplanter Putsch im Gange? Hoffmann hebt die Schultern - ist wohl so.

Das wichtigste Spiel der Saison

Der HSV steht unmittelbar vor seinem wichtigsten Spiel der Saison, noch ehe die Rückrunde auf dem Rasen überhaupt begonnen hat. Anpfiff ist am Sonntag um elfUhr im Congress-Centrum, auf dem Spiel steht die Zukunft des Vereins. Denn dann werden acht von zwölf Positionen im Aufsichtsrat durch Wahlen neu besetzt. Auf der Kandidatenliste stehen die üblichen Verdächtigen: Firmenbosse, Klinikchefs, ehemalige Klub-Honoratioren, der frühere Publikumsliebling Sergej Barbarez - aber auch vier Hardcore-Fans, die jedes Wochenende mit HSV-Kutte im Fanblock stehen, die eigene Elf nach vorne und den Gegner niederbrüllen.

Dass die Anhänger eines Vereins zum Sprung über den Zaun ansetzen, um im Kontrollgremium ihrer großen Liebe zu landen, ist ein Novum in der Bundesliga. Mindestens. "Ganz Europa schaut auf uns", sagt Manfred Ertel, 58. Zu klären sei die Frage, wem der Verein gehört. Die Antwort glaubt er zu kennen: "Der HSV gehört uns, den Mitgliedern, den Fans." Er will auch in den Aufsichtsrat.

Überall in Europa hat sich Fußball in den vergangenen zehn Jahren zum Event gewandelt, mit mehr Kunden statt Fans und mehr Komfort statt Currywurst. Logen verdrängen die Stehplätze in den Stadien, an die Stelle der Emotion tritt die Unterhaltung. Das Publikum, hat Ertel beobachtet, ist inzwischen sogar im Fußball-Mutterland England "eine schweigende Masse. Wir beim HSV wollen kein Teil der schweigenden Masse werden."

Dass die eigenen Anhänger versuchen können, so viel Einfluss im HSV zu bekommen, und das Establishment deshalb eine erbitterte Abwehrschlacht führt, liegt an der einmaligen Vereinsstruktur. Zwar haben auch andere Fußball-Klubs dank der aus ihrer Bundesliga-Zugehörigkeit resultierenden Strahlkraft eine Mitgliederzahl, von der Turnvereine nur träumen können. So zählt etwa der FC Bayern München gut 130000 Mitglieder. Doch nur in Hamburg sind die eingeschriebenen HSV-Fans in einer eigenen Abteilung organisiert. "Supporter" heißt die mit Abstand größte aller 32 Vereinssparten, in der rund 50000 Menschen ihrer Leidenschaft frönen: HSV-Fan zu sein.

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