Ein Kommentar von Jürgen Schmieder

Rummenigge und Hoeneß stellen sich auch nach dem DFB-Pokal-Aus hinter Klinsmann - zu Recht, denn trotz der durchwachsenen Lage gibt es zu Klinsmann derzeit keine Alternative.

Jürgen Klinsmann saß lächelnd auf dem Podest, obwohl seine Elf gerade eine desaströse Niederlage hinnehmen musste. Ruhig und sachlich analysierte er das Spiel, er verwies auf künftige Aufgaben und sagte Sätze, die einige Zuhörer an seinem Realitätssinn zweifeln ließen: Zu ignorant klangen diese Sätze und nach allzu demonstrativem Optimismus. Die Schlagzeilen der seriösen Presse verhöhnten Klinsmann nach diesem Spiel, von den Bemerkungen des Boulevards ganz zu schweigen. Es war am 1. März 2006, als die deutsche Nationalelf mit 1:4 gegen Italien verlor und nicht wenige Experten eine Ablösung des Bundestrainers noch vor der anstehenden Weltmeisterschaft forderten.

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Im Januar 2008 präsentierten Rummenigge und Hoeneß stolz ihren neuen Trainer Klinsmann. (© Foto: dpa)

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Am Mittwochabend erlebte erneut eine Elf von Klinsmann eine ernüchternde Niederlage. Der FC Bayern unterlag im DFB-Pokal Bayer Leverkusen mit 2:4. Damit sind die Münchner nicht nur aus dem Wettbewerb ausgeschieden, bei den Anhängern macht sich langsam Unsicherheit und Unmut breit - nach dem Spiel warteten einige Fans vor dem Mannschaftsbus und forderten lautstark die Demission des Trainers. Dagegen schlug Manager Uli Hoeneß moderate Töne an: "Es wäre populär, die Spieler in Sack und Asche zu hauen, das tun wir nicht."

Hoeneß und Rummenigge schützen ihren Trainer, den sie für die laufende Saison verpflichtet hatten - nachdem sie zuvor erst Felix Magath und dann Ottmar Hitzfeld nicht mehr haben wollten. Die Verantwortlichen waren auf der Suche nach einem Trainer, der nicht nur national zuverlässig erfolgreich ist, sondern auch international Erfolge feiert. Nach dem Sommermärchen 2006 und dem Aufbau des "Umkrempler"-Images schien ihnen Jürgen Klinsmann der richtige Mann zu sein - und sie statteten ihn mit einem zwei Jahre laufenden Vertrag und vielen Kompetenzen aus.

Nun ist Klinsmann bislang international überaus erfolgreich, national allerdings ist der FC Bayern aus dem DFB-Pokal ausgeschieden und liegt in der Bundesliga-Tabelle lediglich auf dem fünften Rang. Es ist eine verzwickte Situation, in der sich die Münchner nun befinden, ein Ausweg ist kaum in Sicht. Enthusiasmus über den Umkrempler gibt es beim FC Bayern nicht mehr, man hält es irgendwie noch mit ihm aus.

Es gibt Aspekte an dieser sportlichen Lage, für die der Trainer Klinsmann wahrlich nichts kann. Die wiederholten Verletzungen von Franck Ribéry und Luca Toni etwa. Oder die Tatsache, dass es den Münchnern nicht gelungen ist, für das defensive Mittelfeld einen Spieler zu verpflichten, der Klinsmanns Ansprüchen genügt: Im Sommer jagte der FC Bayern vergeblich Flamini und Gattuso, Anatolij Timoschtschuk kommt erst zur neuen Saison. Auch am Karriereende von Oliver Kahn und den damit verbundenen sportlichen und hierarchischen Konsequenzen für die Mannschaft konnte Klinsmann nichts machen. Es ist noch nicht Klinsmanns Kader, der Klinsmann zur Verfügung steht - den wird es frühestens von der kommenden Saison an geben.

Andererseits ist Klinsmann jedoch auch für einige Aspekte verantwortlich. Dass er Marcell Jansen nach Hamburg ziehen ließ und nun Massimo Oddo die rechte Seite mehr beackert als bespielt. Dass er sich bei der Vereinsführung so sehr für Landon Donovan einsetzte, als ob er nicht nur dessen Trainer, sondern auch dessen Berater wäre. Dass er mit ständigen taktischen und personellen Rochaden für viel Verwirrung sorgte. Dass er im Umgang mit Spielern (van Bommel, van Buyten) lange nicht so souverän wirkte wie der Pädagoge Hitzfeld.

Und vor allem, dass sich Spieler öffentlich zu taktischen Debatten äußern (Lahm, Klose), die Kollegen kritisieren (Ribéry) und sich nach Niederlagen sarkastisch geben (van Bommel), ohne sanktioniert zu werden. Klinsmann gibt da gern die optimistischen Laisser-faire-Vater, wo andere Trainer längst eingeschritten wären. Die Ankündigung, jeden Spieler besser machen zu wollen, konnte er bisher bei noch keinem Spieler verwirklichen.

Hoeneß und Rummenigge stellen sich hinter ihren Trainer. Das ist richtig, weil es derzeit keine Alternative gibt. Kein Trainer vom Profil eines Arsène Wenger stünde bereit und eine zweite Rückholaktion von Ottmar Hitzfeld wird es auch nicht geben. Klinsmann wird natürlich bis zum Saisonende Trainer bleiben, diese Chance muss man ihm auch geben. Schließlich hat der FC Bayern nach wie vor die Möglichkeit, deutscher Meister zu werden und auch die Champions League zu gewinnen.

Deshalb reagieren die Bayern-Macher gelassen auf die Fragen der Reporter. "In unserer Gesellschaft ist es populär, schlaue Sprüche zu machen. Alles besser wissen, das können viele. Aber alles besser machen, das werden wir", sagte Hoeneß nach dem Spiel in Leverkusen.

Nach dem desaströsen 1:4 in Florenz führte Klinsmann die deutsche Nationalelf zu einem dritten Platz bei der WM, was ihm den Ruf des begeisternden Erneuerers einbrachte und den er auch gezielt so vermarktet. Deshalb darf man beim FC Bayern die Arbeit von Klinsmann erst am Saisonende analysieren und beurteilen. Ein dritter Platz indes wäre diesmal wohl zu wenig.

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(sueddeutsche.de/aum/cmat)