Von Thomas Hummel

Der VfB Stuttgart erholt sich gegen Leverkusen von der Pokal-Demütigung des FC Bayern. Und kann weiter auf einen "Weltklasse-Stürmer" vertrauen.

Als René Adler aus der Kabine kam, hielt er in der rechten Hand ein überdimensioniertes Pilsglas, in dem ein Strauß mit roten und weißen Blumen steckte.

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Ließ es knallen gegen die Leverkusener: Thomas "Hitze" Hitzelsperger, der mit VfB-Kollegen Hilbert abklatscht. (© Foto: ddp)

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Die seltsame Kombination war der Preis für den Spieler des Monats in Leverkusen. Und weil der 24-Jährige ein anständiger junger Mann ist, hielt er die Ein-Liter-Pilsglas-Vase immer schön aufrecht, obwohl er zum wiederholten Male erklären musste, wie dieser Freistoß von Thomas Hitzlsperger ins Tor fliegen konnte.

"Es war mir klar, dass der Hitze knallen würde", sagte der Nationaltorwart. Und der "Hitze" knallte ja dann auch, und wie. Aus 17 Metern Entfernung sauste der Ball mit mehr als 120 Stundenkilometer an der Mauer vorbei genau in Richtung von René Adler. Angesichts dieser auf ihn zurauschenden Kugel erstarrte er für einen Moment, war "wie perplex" und brachte die Hände nicht schnell genug nach oben. Der Ball schlug genau über seinem Scheitel im Tor ein.

Das 2:0 (51.) für den VfB Stuttgart erzählte viel über das Spiel. Einerseits von der partiellen geistigen Abwesenheit der Leverkusener, von der Überforderung durch die Wucht des Gegners. Der Tabellenfünfte zeigte im ersten Spiel im Düsseldorfer Übergangsdomizil (mit der Klub-Rekordkulisse von 35.000 Zuschauern) sein wohl schlechtestes Heimspiel. Andererseits erzählte dieses 2:0 auch von der an diesem Nachmittag fast gewalttätigen Entschlossenheit der Schwaben.

Der VfB Stuttgart überraschte in Düsseldorf mit selten gesehener Vehemenz in den Zweikämpfen, mit einer Aggressivität an der Grenze zum Legalen. Und manchmal auch darüber hinaus. "Wir haben heute um jeden Zentimeter gefightet", lobte Trainer Markus Babbel. Diese Spielweise war die Grundlage für den 4:2-Erfolg, mit dem der VfB bis auf zwei Punkte an den Gegner und damit an die Plätze zum europäischen Geschäft herankam.

Die Stuttgarter bearbeiteten den Gegner, sie hakten, rannten, grätschten, wenn es sein musste, foulten sie auch. Es schien, als ginge es ihnen diesmal um mehr als drei Punkte. Und es ging ja auch um mehr. Die Rückrunde des VfB Stuttgart war eigentlich schon vorbei gewesen, bevor sie begonnen hatte. Nach der 1:5-Demütigung im Pokal gegen den FC Bayern hatten die Experten den Niedergang prophezeit.

Das Schockerlebnis schien zu groß. Dazu stellte Torwart Jens Lehmann öffentlich die Frage, ob in der Vorbereitung auf die Rückrunde alles richtig gemacht wurde. Eine Diskussion folgte, ob diese Mannschaft fit genug sei für die höchsten Ansprüche, was einen ernsten Vorwurf gegen den Trainer darstellt. Und so folgte der Debatte, wie der VfB den trainerscheinlosen Teamchef Markus Babbel trotz DFB-Widerstand halten kann, die Debatte, ob der VfB ihn überhaupt halten soll.

"Das ist gar nicht unser Spiel"

Doch am Samstag verzweifelten die spielstarken Leverkusener mitunter ob des hartnäckigen und ausdauernden Widerstands der Stuttgarter Zweikämpfer. "Wir mussten oft lange Bälle schlagen. Und das ist gar nicht unser Spiel", stellte Mittelfeldakteur Tranquillo Barnetta fest. Und VfB-Teamchef Babbel konnte auf das "schnelllebige Bundesliga-Geschäft" verweisen, sowie darauf, "eine harte Vorbereitung" verantwortet zu haben.

Die leidenschaftliche Gangart überrumpelte die Leverkusener in beiden Halbzeiten und führte jeweils zu einem schnellen Treffer. Deren Trainer Bruno Labbadia haderte anschließend: "Dass wir die Anfangsphasen verschlafen, ist uns in dieser Saison noch nicht passiert." Die Gäste konnten sich jeweils zurückziehen, auf Ballgewinne warten, um zum schnellen Kontergegenstoß anzusetzen.

Dazu war wieder einmal Verlass auf Mario Gomez. Der 23-Jährige lenkte nach drei Minuten die erste Flanke von Ludovic Magnin unter die Latte zum 1:0. Er provozierte mit einem schnellen Antritt die gelb-rote Karte für Arturo Vidal vor dem Hitzlsperger-Freistoß und beendete die Hoffnungen der nach dem 1:2 aufkommenden Leverkusener mit dem 3:1 (75. - es folgten spät das Eigentor von Sinkiewicz und der erste Treffer von Zugang Charisteas für Leverkusen).

"Er ist ein Weltklasse-Stürmer", sagte anschließend der ehemalige Weltklasse-Stürmer und der heutige Bayer-Sportchef Rudi Völler. Stuttgarts Kollege Horst Heldt hielt fest: "Es gibt in Europa nicht viele Stürmer mit seiner Torquote." Das durfte auch als Mitteilung nach München verstanden werden, wo zuletzt Zweifel geäußert wurden, ob Gomez 30 Millionen Euro wert sei.

Heldt sprach mit einer Mischung aus Erleichterung und Genugtuung, er konnte sogar wieder sein schalkhaftes Lächeln zeigen. Auch er war unter Druck geraten nach dem Desaster gegen die Bayern, schließlich hatte vor allem Heldt in der Winterpause für einen Verbleib Babbels über das Saisonende hinaus gekämpft. Bei weiteren Misserfolgen wäre die Stellung des einstigen Meister-Managers weiter in Bedrängnis geraten. Nun rief er den Kritikern entgegen, "dass es eben schwer sei, es immer allen recht zu machen."

Diesmal blieben allein die Leverkusener und besondern Torwart René Adler in Unzufriedenheit zurück. Da konnte auch ein Blumenstrauß im Ein-Liter-Pilsglas keinen Trost spenden.

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(sueddeutsche.de/cag)