Fußball-Bundesliga Der Zorn des Volkes

Das Fußballstadion war immer schon ein Ort, den Männer und auch Frauen aufgesucht haben, um ungestört andere Menschen zu beleidigen. Doch neuerdings gibt es einen Fundamentalismus und eine Über-Emotionalisierung, die verstörend sind.

Ein Kommentar von Philipp Selldorf

Werder Bremens Torwart Tim Wiese hat am Samstag wieder mal gesagt, was er wirklich denkt. "Ich bin froh, wenn diese &%$*'§ Saison endlich vorbei ist", hat er gesagt, und er scheint einer Menge Leuten aus dem Herzen gesprochen zu haben.

Denen zum Beispiel, die in Frankfurt offenbar ebenfalls alles &%$*'§ finden, weshalb sie den Platz stürmten und sich mit der Polizei prügelten. Oder denen in Gelsenkirchen, die ihren Torwart ausgepfiffen haben, den wahrhaftigen Schalker Manuel Neuer, weil der sich nach 20 Jahren zum Tapetenwechsel entschieden hat. Oder denen, die in Leverkusen "Heynckes raus" riefen, weil Bayer, bis Samstag beste Rückrundenelf, zum zweiten Mal nacheinander nicht gewinnen konnte. Und nächstes Wochenende hängen vielleicht schon die Nächsten ihre zornigen Plakate mit pathetischen Parolen auf.

Das Fußballstadion war immer schon ein Ort, den Männer und auch Frauen aufgesucht haben, um ungestört andere Leute zu beleidigen: Spieler, Trainer, Schiedsrichter, zur Not die Freundin des gegnerischen Stürmerstars. Mittlerweile ist das Stadion aber auch ein Ort der moralischen Entrüstung. Niederlagen werden nicht mehr als Ergebnis des Sports debattiert, sondern vor dem Hintergrund der Vereinspolitik und eines gemeinsamen Beziehungsrahmens.

Die Frankfurter Anhänger wurden in ihrer Raserei durch die Zusage gebremst, dass Spieler und Trainer bei ihnen um Verzeihung für das 0:2 gegen Köln und den drohenden Abstieg bitten würden. Aussprachen und geheime Gipfeltreffen mit sogenannten Fan-Vertretern sind mittlerweile üblich. Neue, teils seltsame Sitten haben Einzug gehalten, fundamentalistische Ernsthaftigkeit und Humorlosigkeit sowie starke Über-Emotionalisierung haben Besitz ergriffen vom Gesellschaftsspiel.

Bevor nun der Kulturpessimismus überhandnimmt, ist anzumerken, dass zum überdrehten Erregungsniveau auch der wilde Saisonverlauf beiträgt, der viele Klubs unter Handlungsdruck gesetzt hat. So wurde das Spektakel zum Standard, die Menschen gerieten von einer Wallung in die nächste.

Die jüngste Volte ist der Sturz der Trainergrößen Felix Magath und Christoph Daum und das Glück des Lucien Favre. Während Daum und Magath als Retter willkommen geheißen wurden, hatte das Volk in Gladbach Favre mit Skepsis empfangen. Lieber wollten die Leute einen tatkräftigen Feuerwehrmann sehen, keinen komischen Schweizer für den Neuaufbau in Liga zwei. Und jetzt? Bei Borussia sind sie zuversichtlich, dass sie am Ende auf eine tolle Saison blicken dürfen.

Acht Grußkärtchen

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