Von Philipp Selldorf

Endlich Trainingslager: Bernd Schneider, 35, kehrt nach seinem Bandscheibenvorfall ins Bayer-Team zurück - und sorgt dafür, dass der Klub ein Luxusproblem hat.

Der natürliche Reflex befahl ihnen: verachten, auspfeifen, wegbuhen. Aber das wollte irgendwie nicht gelingen. Stattdessen sahen sich am Montag viele Fans des 1. FC Köln in der großen Sporthalle in Deutz gezwungen, Renato Augusto vom feindlichen Nachbarn Bayer 04 Leverkusen stehend zu applaudieren und sein irres Treiben heftig zu bewundern. Die Tricks und die Tore des Brasilianers beim Kölner Hallenturnier waren selbst in Zeitlupe kaum zu deuten, obwohl sich die Kameraregie mit verlangsamten Bildern aus allen denkbaren Einstellungen wirklich Mühe gab.

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Bernd Schneider ist wieder zurück - und Bayer hat ein Luxusproblem. (© Foto: Getty)

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Wenn man Renato Augusto zusieht, dann fängt man an zu verstehen, warum die Bayer-Verantwortlichen unentwegt mit missionarischem Eifer versichern, dass ihr junger Mittelfeldmann noch viel mehr kann, als er während seines guten Einstandshalbjahres gezeigt hat. Aber die logische Frage lautet dann: Was wird aus Bernd Schneider, nachdem auf seiner Position ein anderer Brasilianer unentbehrlich geworden ist?

Rudi Völler kennt sofort die Antwort: "Das ist doch ein Luxusproblem", sagt der Bayer-Sportchef, "für gute Spieler ist immer Platz, in jeder Mannschaft der Welt. Und dass die beiden bei uns zusammenspielen, das ist gar nicht so abwegig."

An eine solche Aussicht hätte vor wenigen Monaten noch niemand so recht glauben wollen. Schneider, 35, machte nach seinem am 13. April erlittenen Bandscheibenvorfall eine äußerst zähe Rekonvaleszenz durch. Betroffen war die Halswirbelsäule, ein für Fußballer untypischer Verletzungsherd. Die Hoffnungen auf die Teilnahme an der EM zerschlugen sich rasch, Schneider wurde operiert, und bis tief in den Herbst hinein durfte er nicht auf den Trainingsplatz. Stattdessen betrieb er auf dem Fahrrad angewandte Heimatkunde im Bergischen Land.

Ins Ende dieser mühseligen Zeit fiel in den letzten Oktobertagen die Vertragsverlängerung mit Bayer bis 2010, wobei Schneider das Angebot für weniger selbstverständlich hielt als sein Arbeitgeber. Auch er fragte sich zunächst, ob die Offerte Anerkennung oder Ermutigung bedeuten sollte oder ob der Klub ganz einfach die Zusammenarbeit mit einem guten Spieler zu verlängern suchte?

"Alles", sagt Völler heute, "Bernd hat es ja auch verdient. Er ist schließlich immer in Leverkusen geblieben, obwohl er super Angebote hatte. Und er steht als letzter Mohikaner für die goldene Zeit von Bayer ..." Goldene Zeit? Völler korrigiert sich selbst: "Nein, für die silberne Zeit, als wir hier die ganzen zweiten Plätze eingefahren haben."

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