Führungswechsel beim FC Barcelona Knietief im globalen Geschäftssumpf

Alter und neuer Präsident auf einem Podium: Sandro Rosell und Josep Maria Bartomeu bei einer Pressekonferenz in Barcelona.

Der Rücktritt von Barcelonas Präsident Sandro Rosell lenkt den Blick auf ein dubioses Netzwerk, das bis nach New Jersey, zu arabischen Investoren und in die Spitze des Fußball-Weltverbands reicht. Dabei geht es um weit mehr als den überteuerten Transfer des Brasilianers Neymar.

Von Thomas Kistner

Nein, Tränen hat Sandro Rosell nicht produziert. Aber viel von bösen Kräften geraunt, die ihn und seine Lieben bedrohten - weshalb ihn sein Familiensinn bewog, das Spitzenamt beim FC Barcelona zu räumen. Die Version ist allerdings stark ergänzungsbedürftig: Rosell muss aus dem Rampenlicht, dringend.

Er rudert ja bis zum Hals in einem Geschäftssumpf, den er selbst angelegt hat. Bei Barça warf er jetzt hin, nachdem ein Richter die Klage gegen seinen Transfer-Deal mit dem Brasilianer Neymar annahm. Doch Rosells Rücktritt markiert nicht das Ende, sondern den Anfang einer Kette juristisch aufzuarbeitender Affären im Weltfußball, die sinistre Figuren versammelt und in deren Zentrum stets dieselbe Figur steht: Rosell.

Schlaflose Nächte warten auch auf Neymar senior, den Vater von Brasiliens WM-Hoffnung "Ney". Als dieser im Sommer zu Barça wechselte, wurde ein Discountpreis von 57 Millionen Euro verkündet - und Rosell als Verhandlungskünstler gefeiert. Nun ermittelt die Justiz den wahren Kaufpreis, der sich bei knapp 90 Millionen bewegen soll. 40 Millionen seien an die von Papa Neymar betriebene Firma N&N geflossen, wobei neben der abenteuerlichen Stückelung der Zahlungen auch offenkundige Scheinvereinbarungen auf Vetternwirtschaft hindeuten.

Eine solche wird jetzt in Brasilien befürchtet, wo Rosells Geschäftsgebaren ohnehin bereits Anlass für einen Strafprozess lieferte. Kickback-Deals nennt sich der Dreh, wenn Teilbeträge aus einem Geschäft über Umwege an den Zahlenden zurückfließen. Dieser Verdacht geht in Brasilien um, dazu die Furcht, dass Neymar bald Ziel spanischer Steuerfahnder werden könnte. Ein Schicksal, das im Vorjahr seinen Mannschaftskollegen Lionel Messi ereilt und völlig aus dem Spielrhythmus gerissen hatte.

Störungen dieser Art wären das letzte, was Brasilien braucht vor dem heiklen WM-Sommer. Die Regierung Dilma Rousseff will Ruhe an der Korruptionsfront, sie hat alle Justizmaßnahmen gegen den lang- jährigen Fußballimpresario des Landes, Ricardo Teixeira, auf die Zeit nach der WM verschoben.

Teixeira hat Brasiliens Fußballverband CBF 23 Jahre lang wie ein Despot geführt und ausgeplündert; vor allem, nachdem er Mitte der Neunziger einen Mitstreiter beim Großsponsor fand: Sandro Rosell, Nikes Beauftragten für die Seleção. Das Duo zog Geschäfte auf, die Jahre später in Brasilia Kommissionen von Senat und Parlament durchleuchteten. Diese befanden, Teixeiras CBF sei ein "Hort des Verbrechens", und formulierten zahlreiche Anklagepunkte. Doch die Justiz blieb untätig.

Erst die Regierung Rousseff traute sich. Im Jahr 2008, Rosell war als Sportberater selbständig, verhob sich das Duo an der Ausrichtung eines Freundschaftsspiels zwischen Brasilien und Portugal - denn diesmal waren Bundesmittel im Spiel. Ermittlungen kamen ins Rollen, seit 2013 wartet die Anklage. Für jenes Testspiel hatte der Bundesdistrikt Brasilia rund 3,5 Millionen Euro an Rosells eilig gegründete Agentur Ailanto Marketing gezahlt. Die neue Firma, ansässig an Teixeiras Privatadresse, stellte dem Bund überhöhte Rechnungen, angeblich wurden sie verdoppelt. Teixeira/Rosell bestreiten die Vorwürfe.

Wegen der Ermittlungen zu Hause hatte Teixeira 2012 seine Ämter in CBF und im Vorstand des Weltverbandes Fifa niedergelegt und sich nach Florida abgesetzt. Nun liefern ständig neue Enthüllungen um ihn und Kumpel Rosell Hinweise, woher die Millionen für sein Luxusanwesen in Miami stammen könnten. Denn bevor er aus dem Land flüchtete, hatte Teixeira alle Rechte an den Testspielen des brasilianischen Nationalteams bis 2022 verhökert. Ein guter Teil der Einnahme geht an: Rosell.

Brasilianische Medien berichteten unwiderlegt, dass die fürstlichen Gagen für die Auftritte der Seleção seit 2006 nicht nur an den Verband CBF, sondern auch an eine in New Jersey/USA ansässige Privatfirma fließen. Diese Agentur heißt Uptrend Development und ist registriert auf den Namen Alexander R. Feliu: Rosells richtiger Name. Die Gelder werden demnach vom Rechtehalter an den Seleção-Spielen, einer Agentur namens International Sports Events (ISE), in die USA überwiesen.