Führungschaos bei 1860 München Ab jetzt nur noch per Anwalt

Die Löwen streiten mittlerweile offen ums Geld: Der TSV 1860 erhält statt einer erwarteten Millionenzahlung ein Juristen-Schreiben von Mitgesellschafter und Geldgeber Hasan Ismaik. Der arabische Geschäftsmann stellt sein Investment in Frage - und lässt schwere Vorwürfe übermitteln.

Von Gerald Kleffmann und Markus Schäflein

Am Vormittag sah alles unverdächtig aus. Die Frühlingsvögel zwitscherten, im Löwenstüberl sortierten sich ältere Gäste, die Zweitliga-Profis des TSV 1860 München standen auf dem Trainingsplatz und führten Übungen durch, was man von weitem schon anhand aufgestellter Metallmännchen auf dem Rasen feststellen konnte.

Kein schwarz gekleideter Mann war zu sehen, der mit einem Aktenköfferchen angerauscht kam, um eine wertvolle Fracht in den dritten Stock der Geschäftsstelle zu befördern. Auch fuhr keiner dieser Panzerwagen vor, in denen meist besondere Güter von A nach B gebracht werden. So ging das Warten weiter. Das Warten auf 13 Millionen Euro plus X.

Diese Summe forderten die Löwenbosse an diesem denkwürdigen 9. April von ihrem Mitgesellschafter Hasan Ismaik ein, der hinsichtlich des 2012 gemeinsam beschlossenen Dreijahresplans nun schlagartig in Vorleistung gehen sollte mit den Raten zwei und drei. Immerhin will der ja unbedingt einen Strategiewechsel im Klub durchdrücken, argumentiert der Klub, und neue Leute installieren. Sportchef, Trainer, Spieler, sonstiges Fachpersonal.

Sechzig selbst braucht, das hatte stets der vom 1860-Aufsichtsrat fallengelassene frühere Präsident Dieter Schneider angemahnt, Garantien, falls das Zweitligateam kostenintensiv aufgerüstet werden soll. So hat der neue Klubpräsident Hep Monatzeder, der so vieles anders machen wollte, einfach diese Haltung übernommen - und sogar diesen Dienstag als Ultimatum gesetzt, mit schnittigem Ton.

Gegen Mittag hieß es im Verein, man könne um 17 Uhr erfahren, ob die nächsten beiden Raten des Dreijahresplanes auf dem Vereinskonto eingegangen seien oder nicht.

17 Uhr. Nachträglich muss man sagen: ein schlechter Witz.

Um 15.12 Uhr schickte Hasan Ismaik seinen Anwalt los. Per Email eröffnete er eine neue Runde - gegen 1860.

Nun ist der Graben, der zwischen Klub und Investor herrscht und seit Beginn der Partnerschaft im Frühjahr 2011 oft genug sichtbar wurde, auf extreme Weise belegt. Man korrespondiert auf juristischem Wege. Von wegen "unser Freund", wie der Verein einst den jordanischen Geschäftsmann zu umschmeicheln versuchte. Jetzt kracht es, und die gewaltige Drohkulisse Ismaiks ist klar: Er stellt sein Investment in Frage.

Der Münchner Rechtsanwalt Michael Scheele kennt Ismaik und dessen Firmengruppe HAMG seit Februar, sagt er, am vergangenen Montagabend wurde er von Ismaik persönlich mit dem Mandat beauftragt, "seine rechtliche Position auszuloten". Es gehe um eine "ergebnisoffene Prüfung". Deshalb werde Scheele 1000 Seiten an Unterlagen durchforsten, analysieren, "es liegt viel Arbeit vor uns". Heißt das, Ismaik überlege auszusteigen? Seine Anteile zu verkaufen?

"Er will ganz sicher sein Investment nicht verlieren", antwortet Scheele allgemein, "Herr Ismaik will einfach wissen, wie er in der Situation mit allem umgehen kann." Demnach steht eindeutig jede Option zur Debatte - auch der Ausstieg. Warum Ismaik sich zu diesem Schritt genötigt sieht, erklärt Scheele so: "Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen angesichts einiger öffentlicher Äußerungen, insbesondere von Herrn Monatzeder."

In der Tat waren manche Verhaltensweisen seit vergangenem Freitag äußerst fragwürdig. Auf beiden Seiten. Zunächst war Ismaik, der sich mal wieder in München blicken ließ, auf einer Pressekonferenz mit Monatzeder vorgeprescht und hatte - mal wieder - Forderungen aufgestellt. 1860 brauche einen neuen Sportchef, wohl auch einen neuen Trainer, demnächst gebe es einen neuen Geschäftsplan, und ach, der frühere ägyptische Nationaltrainer Hassan Shehata werde zwei Wochen lang die Löwen inspizieren und Ismaik beim Umbau beraten. Monatzeder saß überrumpelt daneben. Schwieg. Dann brauste der 35-jährige Ismaik davon und flog nach Abu Dhabi.

Ohne Ball ins Tor

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