Von René Hofmann

Der frühere Champion Gustavo Kuerten zelebriert seinen Abschied aus Paris. "Tennis war mein Leben, meine Leidenschaft, meine Liebe - und dieses Turnier hat mir dabei immer am meisten bedeutet", sagt der 31-Jährige.

Es war exakt 17.49 Uhr, als Gustavo Kuerten seinen letzten Schlag setzte. Ein Rückhand-Stopp, der schlaff ins Netz trudelte. 3:6, 4:6, 2:6. Über das klare Ergebnis aber konnte sich noch nicht einmal der Sieger freuen. Schüchtern schlich Paul-Henri Mathieu vom Court Philippe-Chatrier. Der Verlierer hatte in dem Moment seinen Kopf unter einem Handtuch vergraben, ließ den Applaus auf sich niederprasseln. Und weinte. "Ich habe an alles gedacht, was mir das Tennis gegeben hat", verriet Gustavo Kuerten später: "An all die Erfolge und guten Zeiten - und an all die schwierigen. Mit dem Tennis ist es wie mit dem Leben: Irgendwann ist es vorbei."

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Abschied tut weh: Der Brasilianer Gustavo Kuerten nimmt ein Stück Paris mit nach Hause. (© Foto: Reuters)

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Für ihn ging es an diesem Sonntag in Paris zu Ende, dort, wo er seine größten Erfolge feierte und am lautesten gefeiert wurde. In den Jahren 1997, 2000 und 2001 hat Kuerten am Boulevard d'Auteuil triumphiert. Öfter hat dort nur einer gewonnen: Björn Borg. Der Schwede siegte zwischen 1974 und 1981 sechs Mal. Aber irgendwie gehört das zu einer anderen Zeit. Zu Borgs Zeiten trugen die Tennisspieler noch enge Hosen und ausladende Bärte.

Der formelle Akt fehlte

Gustavo Kuerten ist schon lange kein normaler Tennisspieler mehr gewesen. Zweimal wurde er an der Hüfte operiert, und seitdem ist er selbst ein Relikt gewesen, ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit, ein Bartträger, auch wenn er die Stoppel in seinem Gesicht selten länger als drei Tage stehen ließ.

Zehn Profi-Matches hat er in den vergangenen zwei Jahren bestritten. Sein größter Erfolg? Ein Sieg gegen den Italiener Filippo Volandri, damals die Nummer 44 der Rangliste. Im Prinzip hatte Kuerten sich schon lange vom Sport verabschiedet. Nur der formelle Akt fehlte noch.

Der wurde nun zelebriert. Auf Weltranglistenplatz 1141 ist die ehemalige Nummer eins abgerutscht. Eine so kleine Nummer strafen die stolzen Franzosen bei ihrem Prestige-Turnier normalerweise mit Nichtachtung.

"Tennis war mein Leben"

Für Kuerten aber legten sie gerne eine Wildcard bereit und räumten ihre größte Bühne, zur besten Sendezeit, kurz vor Sonnenuntergang. Der Schlaks aus Florianopolis revanchierte sich auf seine Weise. Auch wenn er sich vor den Aufschlägen wie ein Arthrose-Patient bei den Morgenübungen reckte - peinlich war sein Auftritt nicht. Kuerten trug ein blau-gelbes Hemd, wie vor elf Jahren. Über dem Herzen prangte ein silberner Stern. Ein wenig sah er aus wie ein Sheriff, der noch einmal Mal durch sein Revier patrouilliert. Zum letzten Mal.

Noch einmal zeigte der 31-Jährige "alle Schläge, die ich kann", wie er selbst nicht ohne Stolz bemerkte. Und am Ende wurde es richtig packend: Nachdem er seinem Gegenüber beim Seitenwechsel spielerisch die Schultern massiert hatte, parierte Kuerten den ersten Matchball mit einer tollen Vorhand. Beim zweiten gab er sich geschlagen. "Tennis war mein Leben, meine Leidenschaft, meine Liebe- und dieses Turnier hat mir dabei immer am meisten bedeutet", nuschelte er mit zitternder Unterlippe ins Mikrofon.

Und auch wenn ihn kaum einer verstand, so spürten doch alle, was er meinte: Selige "Guga!-Guga!"-Rufe begleiteten ihn, als er mit einem in Glas gefasstem Stück Sandplatz ging. Das Publikum mag Helden von gestern. Auch wenn damals nicht alles besser war: Man weiß einfach, was man an ihnen hatte.

Auf der nächsten Seite: Wenn im Leistungssport der Körper nicht mehr mitspielt - und ein Hauch von Wehmut.

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