Frauenfußball in Deutschland Mühseliger Kampf um die Geldtöpfe

Noch immer gilt es als weniger athletisch, langsamer und wenig ansehnlich, wenn Frauen Leistungssport treiben. Entsprechend weniger Platz erhalten die Wettkämpfe in der Berichterstattung. Die Fußball-EM in Schweden zeigt, dass sich die deutschen Fußballfrauen einen Platz als beachtete Minderheit erkämpft haben. Nur die Medien müssen noch lernen.

Ein Kommentar von Kathrin Steinbichler

Natürlich ist diese ungewöhnliche Terminverschiebung auch in Schweden aufgefallen. Auf jeweils mehreren Seiten informieren die schwedischen Medien derzeit ihre Leser über die Frauenfußball-Europameisterschaft in ihrem Land. Und jetzt drängt da diese Nachricht aus München ins Turnier, klein zwar, aber bemerkenswert: Der große FC Bayern muss diesen Mittwoch seinen Test gegen den FC Barcelona, das Wiedersehen seines berühmten Trainers Pep Guardiola mit seinem berühmten ehemaligen Klub, vorverlegen; um zwei Stunden auf 18.30 Uhr. Weil an diesem Mittwoch im deutschen Fernsehen zum ursprünglichen Termin um 20.30 Uhr Frauenfußball übertragen wird - das EM-Halbfinale zwischen Deutschland und Gastgeber Schweden.

Moment mal? Die Frauen verdrängen die Männer vom besten Sendeplatz? Was deutschen Fußballfans wie eine Sensation vorkommen mag, löst bei schwedischen Beobachtern eine andere Art von Verwunderung aus: Wie konnte es überhaupt zu der Terminkollision kommen?

Neben dem Kampf um Erfolge herrscht in der Sportwelt ein ebenso heftiger Kampf um Aufmerksamkeit. Titel und Medaillen mögen Befriedigung bringen. Doch nur Aufmerksamkeit verspricht dauerhafte Bekanntheit, und Bekanntheit verspricht Sponsoren, und Sponsoren versprechen Geld. Dieses Ringen um einen möglichst großen Anteil an der Summe, die in der Sportbranche umgesetzt wird, ist legitim: Jeder Athlet und jede Athletin braucht finanzielle Unterstützung, um sich dem Sport so professionell widmen zu können, dass Leistung und Erfolge möglich sind. Leistung ist im Sport notwendig, aber noch nicht hinreichend, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Denn auch Sieger können langweilen. Ein Sport und seine Athleten müssen daher ein Ereignis versprechen. Sie müssen den Wunsch nach Unterhaltung erfüllen.

Für Frauen im Sport war es lange mühselig, an die Geldtöpfe zu gelangen. Der Vergleich mit den Männern war einfach nicht zu gewinnen: Noch immer gilt es als weniger athletisch, langsamer und wenig ansehnlich, wenn Frauen Leistungssport treiben. Entsprechend weniger Platz erhält der Frauensport in der Berichterstattung, das zieht sich durch alle Medien.

Selbst wenn die Leistung als erstklassig akzeptiert wird, gibt es noch ein Problem, das eher gesellschaftlicher Natur ist. Verzerrte Gesichter, angespannte Muskeln, Jubelschreie und dominante Gesten: Für alles, was im Männersport als normal oder gar als Beweis von echter Anstrengung gesehen wird, mussten sich Sportlerinnen lange rechtfertigen. Sie müssen es teilweise immer noch. Oder sie müssen genau das Gegenteil erleben: dass ihre Weiblichkeit gelobt und betont wird. Auch wenn das für die Qualität ihres Sports keine Rolle spielt.

Das Frauentennis hat dieses Gesellschaftsspiel als Erstes verstanden und seinen Akteurinnen ein gut bezahltes Werbeumfeld geschaffen, in dem Mode- und Kosmetikfirmen dominieren. Bei Individualsportlerinnen greifen ohnehin jene Mechanismen der modernen Vermarktung, die Mannschaftsportlerinnen nur schwer bedienen können. Kleidung, Styling und persönliches Auftreten gehen im Team unter, erst recht, wenn sich kein Journalist und kein Fernsehredakteur für diesen Sport interessieren.

Der Profifußball der Männer hat es dem Fernsehen zu verdanken, dass er in der Rangliste der medialen Aufmerksamkeit mit weitem Abstand vorne liegt. Basketball, Handball und Volleyball können nur träumen von den Sendeplätzen, auf denen sich der Fußball präsentieren darf - egal ob es um Männer- oder um Frauenmannschaften geht.

Die Frauen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) haben es geschafft, sich neben den Männern einen Platz als beachtete Minderheit zu erkämpfen: durch ihre Leistung, mit der sie es zu bislang zwei WM- und sieben EM-Titeln geschafft haben. Und durch ihr ungekünsteltes Auftreten, in dem sich die breite Masse von Fans wiederfinden kann. Ihren Viertelfinalsieg am Sonntag haben mehr als vier Millionen Fernsehzuschauer gesehen, beim zeitgleichen Sieg der Männer des FC Bayern beim Testspielturnier gegen Mönchengladbach waren nicht einmal halb so viele am Bildschirm.

In Göteborg ist für Samstag ein Testspiel zwischen Real Madrid und Paris St. Germain angesetzt, dem Klub von Schwedens Topspieler Zlatan Ibrahimovic. Es wird übertragen und findet deshalb am Samstag statt, weil an dem Tag bei der EM spielfrei ist. Die Verantwortlichen gingen also von vornherein einer möglichen Terminkollision aus dem Weg. In Deutschland müssen die Planer erst lernen, dass eine Frauen-EM ein Faktor ist, mit dem man lieber rechnen sollte.