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Frauenfußball Bayerns Fußballerinnen werden politisch

Von Anna Dreher

Noch sind keine Briefe oder Emails gekommen. Es gab auch keine Vereinsaustritte von Fans oder Anrufe von Amnesty International. Diesmal ist es beim FC Bayern ruhig geblieben um eine Reise, die seit Jahren für Aufregung sorgt: das Trainingslager in Katar. Am Wochenende fliegt der Klub wieder dorthin. Nur sind die Flugtickets dieses Mal nicht auf die Namen Heynckes, Boateng, Vidal oder Müller ausgestellt. Nicht die Männer bereiten sich ab Samstag in Doha wieder auf die Rückrunde vor, sondern die Frauen. Zum ersten Mal, und als eines der wenigen Frauenteams überhaupt.

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"Als wir die Info bekommen haben, konnten wir es im ersten Moment nicht glauben. Wir haben uns sehr gefreut", sagt Thomas Wörle. Seit acht Jahren trainiert der frühere Zweitligaprofi das Frauenteam. 2015 und 2016 wurde Bayern Meister, seit ein paar Jahren gehört man zu den festen Größen in der Bundesliga. Ins gleiche Trainingslager wie die Männer fahren die Frauen aber erst jetzt. "Das zeigt auch die Unterstützung und Förderung durch den Verein, die stetig gewachsen sind", sagt Wörle. "Das ist sicher eine Belohnung für unsere Leistungen der vergangenen Jahre."

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Es ist eine Belohnung mit Beigeschmack. Die Männer fahren seit Jahren immer im Winter ins warme Katar; es ist das wohl politischste Trainingslager der Bundesliga. Das Emirat wird seit Jahren von internationalen Organisationen wegen Menschenrechtsverletzungen kritisiert. Die Aufmerksamkeit dafür ist besonders gestiegen, seit Katar zum Gastgeber der Fußball-WM 2022 erkoren wurde. Zwar soll Bundesaußenminister Sigmar Gabriel persönlich Bayerns Klubboss Karl-Heinz Rummenigge versichert haben, dass sich die dortige Situation der Arbeiter durch den Fußball verbessert habe. Doch insbesondere die Kritik an der Ausbeutung von Gastarbeitern nimmt Richtung 2022 eher noch zu. Amnesty International kritisiert Katar auch speziell wegen der Frauenrechte. Sie würden vor dem Gesetz benachteiligt und seien häuslicher Gewalt schutzlos ausgeliefert.

Der Verein wollte das Trainingslager lange Zeit gar nicht als politisches Statement verstanden haben - dabei ist es das ja ganz automatisch, wenn ein weltweit im Fokus stehender Klub eine solche Partnerschaft eingeht. Dass die Bayern inzwischen auch noch für den Flughafen Doha werben, verstärkt den Eindruck, es gehe ihnen ausschließlich ums Geld. Inzwischen versichern die Bayern immerhin, sie würden ihren Vertragspartnern im Emirat in "vertraulichen Gesprächen" die eigenen Überzeugungen deutlich machen, um so zu Veränderungen beizutragen.

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Bayerns Fußballerinnen bringt die Katar-Reise in den gleichen Zwiespalt, auch wenn dieser aufgrund der geringeren Strahlkraft zumindest öffentlich kleiner ausfällt. Und die Frauen des FC Bayern, darauf legen sie Wert, wollen in den nächsten Tagen nicht nur trainierende Bundesligaspielerinnen sein, sondern auch Botschafterinnen - und als solche bestimmte gesellschaftliche Werte vertreten. Und, so jedenfalls die Hoffnung, im Austausch auch weitervermitteln: Respekt, Freiheit, Toleranz. "Wir wollen zeigen, dass Frauensport und Frauenfußball toll sind und welche Möglichkeiten es gibt", sagt Karin Danner, die Managerin von Bayerns Fußballerinnen. Die Bayern werden beispielsweise in gemischten Teams mit zwölf bis 15-jährigen Mädchen aus einem Frauenfußball-Förderprogramm ein Abschlussspiel bestreiten. "In Doha können wir als Team darauf aufmerksam machen, dass unserer deutschen Gesellschaft die Gleichstellung von Mann und Frau ein großes Anliegen ist", sagt Karin Danner. Unpolitisch kann dieses Trainingslager eben gar nicht sein.

Der FC Bayern sollte sich konkreter positionieren

Nach wie vor benennt der Klub nicht, welche Überzeugungen ihn ins Trainingslager nach Katar reisen lassen. Dabei betonen die Bayern sonst so häufig ihre gesellschaftliche Verantwortung. Kommentar von Benedikt Warmbrunn mehr...
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