Frauenfußball Goldenes Erbe

Zum Abschluss noch einmal oben auf: Trainerin Silvia Neid (rechts) auf dem Weg zur Jubeltraube nach dem 2:1-Sieg im olympischen Finale.

(Foto: Moritz Müller/Imago)

Bundestrainerin Silvia Neid hinterlässt zum Abschied ein Meisterstück - und ihrer Nachfolgerin Steffi Jones eine große Aufgabe.

Von Kathrin Steinbichler

Silvia Neid hatte sich vorgenommen, diesen Abend im Maracanã von Rio de Janeiro zu genießen, aber sie hatte nicht geahnt, wie schwer das zunächst sein würde. Nur hinsehen und genießen, das ging dann eben doch nicht in ihrem letzten Spiel als Bundestrainerin, wenngleich mit dem Finaleinzug gegen Schweden bereits der größte Olympiaerfolg im deutschen Frauenfußball geschafft war. "Wenn ich etwas nicht verstehe und auch nicht akzeptieren kann, dann ist es Gleichgültigkeit", hat Neid einmal gesagt, als sie sich und ihren Charakter beschreiben sollte. Und dieser letzte olympische Abend der deutschen Fußballerinnen bei den Sommerspielen 2016 sollte niemanden gleichgültig lassen. Am wenigsten Silvia Neid.

Zwischen Jubel und Bangen, Euphorie und Furcht war alles dabei in diesem Endspiel um Gold, das durch einen passgenauen Schlenzer von Dzsenifer Marozsan (48.) und ein schwedisches Eigentor (62.) entschieden wurde, daran änderte auch der Anschlusstreffer durch Stina Blackstenius nichts mehr (67.). Als dann das 2:1 (0:0) und damit der erste Olympiasieg in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) endlich feststand, rannte Neid los. Hinaus auf den Rasen, der der Untergrund ist, auf dem sie ihr Leben aufgebaut hat. Hinaus zu ihrer Mannschaft, deren Spielerinnen sich in eine Jubeltraube verkeilten. "Dass es so zu Ende geht, ist natürlich der Wahnsinn", meinte Neid, 52, anschließend. Sie wusste: Auch sie hat am Ende niemanden gleichgültig gelassen.

Vor diesem goldenen Abschluss stand ja einmal eine schwere Krise, in der Neid erst drei Tage lang überlegen musste, ob sie sich ihr beugen sollte. Im Sommer 2011 war das, nach dem Viertelfinal-Aus der Nationalelf bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land. Neid hatte mitten im Turnier die sportlich nachlassende Rekordnationalspielerin und Spielführerin Birgit Prinz demontiert und so die Mannschaft verunsichert, anstatt schon vorab für klare Verhältnisse zu sorgen. Mit dem frühen Aus war nicht nur die Titelverteidigung dahin, sondern auch die Qualifikation für Olympia 2012. Verwöhnt von den Erfolgen zuvor, war der öffentliche Aufschrei im Land groß. Bis dahin war Neid als Trainerin Welt- und Europameisterin geworden, bei Olympia 2008 in Peking hatte es Bronze gegeben. Und jetzt: keine Teilnahme, kein versöhnlicher Abschluss und eine in ihrer Hierarchie und Spielphilosophie durchgerüttelte Mannschaft. Drei Tage lang zog Neid sich damals zurück, dann wusste sie, dass sie weitermachen wollte. "So wollte ich nicht aufhören", meinte sie.

Zwei Sommer später, bei der Europameisterschaft 2013 in Schweden, holte sie nach einer Handvoll verletzungsbedingter Ausfälle mit der dann jüngsten Mannschaft des Turniers für alle überraschend den Titel. Sie hatte sich und ihren Führungsstil während der EM gezwungenermaßen neu erfunden, coachte jetzt im Spiel energischer und abseits des Rasens offener im Austausch mit den Spielerinnen. "Ich war zu meinen Spielerinnen immer ehrlich, was für diese sicher nicht immer einfach war, da Ehrlichkeit manchmal auch weh tut. Aber auf lange Sicht gesehen, war es für alle immer das Beste", meinte sie nach dem Finale von Rio. Sie hat gelernt, dass Loyalität ein hohes Gut, aber Ehrlichkeit noch wichtiger ist. Für Neid, deren Karriere auch auf Loyalitäten aufgebaut ist, ein großer Entwicklungsschritt.

Als Teenager absolvierte Neid eine Lehre zur Fleischereifachverkäuferin, weil das Leben ihr damals keine andere Möglichkeit bot. Im Anschluss fuhr sie Lieferungen aus für den Blumenhandel ihres Trainers in Siegen, um so über die Runden zu kommen neben dem Trainingsalltag als Fußballerin. "Ich wollte nichts anderes als Fußball spielen", erzählte Neid einmal, "also habe ich alles im Leben dem Fußball untergeordnet." Als Spielerin war Neid schon mit 18 Jahren National- und Führungsspielerin, sie war talentiert, ehrgeizig und fordernd, akzeptierte kein Mittelmaß und hatte Träume, feierte Pokalerfolge und Meisterschaften, Europameisterschafts-Siege und WM-Teilnahmen. Silvia Neid war ein weiblicher Fußballprofi, noch bevor es dieses Berufsbild gab in Deutschland.

"Mit ihr zu diskutieren konnte hart sein. Aber es war gut."

"Die Silv'", meinte einmal die vormalige Bundestrainerin Tina Theune, "war schon als Spielerin eine Autorität. Mit ihr zu diskutieren konnte hart sein. Aber es war gut." Zunächst als Juniorinnen-, dann als Co- und ab 2005 als Cheftrainerin machte Neid beim DFB da weiter, wo sie als Spielerin aufgehört hatte: Sie baute Mannschaften, die mehr für ihren Erfolg als für ihre kuschelige Atmosphäre bekannt waren, gewann Titel und damit für den Frauenfußball nach und nach mehr Öffentlichkeit.

Für diesen Mittwoch hat der DFB nun zu einer Pressekonferenz geladen, Neids Nachfolgerin Steffi Jones will ihr Konzept und ihren Trainerstab vorstellen. Die Aufgabe ist mit dem goldenen Erbe von Rio nicht einfacher geworden - Neid hat alles gewonnen, was möglich ist, die Trainerdebütantin Jones muss sich erst noch beweisen. Auch in der Mannschaft wird es einen Umbruch geben, etliche ältere Spielerinnen wie Anja Mittag, 31, oder Saskia Bartusiak, 33, denken über das Karriereende nach. Neid leitet künftig die neue Scouting-Abteilung des Frauenfußballs im DFB, sie wird viel reisen und nach neuen taktischen und strukturellen Konzepten suchen. "Das Wichtigste ist, dass man sich als Trainer selbst findet", gab Neid ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg. Ihr selbst ist das wohl gelungen.