Frauen-WM 2011 Silvia Neid - die Fehler der Feldherrin

Deutschland ist raus, aber war Deutschland jemals richtig drin? Bei der Heim-WM fanden die DFB-Frauen nicht zu ihrer Form. Das galt insbesondere für Bundestrainerin Silvia Neid. Ihr Umgang mit Birgit Prinz und ihre Reaktion auf das Viertelfinal-Aus nach dem 0:1 gegen Japan legen den Eindruck nahe: Neid wollte ihre Elf von oben herab zum Titel coachen - was ihr fulminant misslang.

Ein Kommentar von Carsten Eberts, Wolfsburg

Selbstkritik ist eine komplizierte Angelegenheit. Sie muss bedächtig formuliert sein, sonst kommt sie übereifrig daher, vor allem im Moment der Niederlage. Trotzdem muss sie gehört werden, oder zumindest zur Kenntnis genommen.

"Das ist alles surreal"

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Silvia Neid hat damit womöglich ein Problem. Sie lächelt, auch wenn alle um sie herum betrübt sind. Sie plaudert gerne von oben herab, macht Witzchen. "Welche Vorwürfe?", fragte sie nach dem 0:1 im WM-Viertelfinale gegen Japan süffisant in die Runde von Journalisten: "Ich mach mir gerade keine Vorwürfe. Außer vielleicht, dass ich den Ball nicht selbst in den Sechzehner getragen habe."

Während sich in ihrer Mannschaft keine Spielerin ihrer Tränen schämte, kamen solche Aussagen befremdlich daher. Ausgerechnet bei der Heim-WM, dieser gigantischen Chance für den deutschen Frauenfußball, hat die deutsche Mannschaft nie wirklich ins Turnier gefunden. Das gilt nicht nur für die meisten Spielerinnen, sondern vor allem auch für die Bundestrainerin.

Silvia Neid hatte alles generalstabsmäßig auf diese Weltmeisterschaft ausgerichtet. Sie gab stets die selbstsichere Feldherrin - deshalb muss sie nun mit Kritik an ihrer Person leben. Neid bekam die längste WM-Vorbereitungsphase aller Zeiten gestattet, sogar der Bundesligaspielplan wurde verändert. Es schien, als wäre Neid auf alles vorbereitet - außer auf den Fall, dass Deutschland keineswegs locker von Sieg zu Sieg ins Finale spaziert. Als sich die verunsicherte deutsche Mannschaft nach Führung sehnte, verunsicherte Neid die eigenen Spielerinnen nur noch mehr.

Die Beispiele dafür sind vielfältig. Zum Auftakt gegen Kanada glückte Neid noch ein Coup, als sie Celia Okoyeno da Mbabi auf den Platz beorderte. Anschließend jedoch moderierte sie den Fall von Birgit Prinz äußerst ungeschickt, schützte in der Öffentlichkeit lieber sich selbst als ihre verdienteste Spielerin. Nach der ersten ansprechenden Partie gegen Frankreich (4:2) stellte Neid ihr Team gegen Japan trotzdem auf drei Positionen um. Die Verunsicherung stieg weiter an.

Im Viertelfinale setzte sich die Serie von Neids unglücklichen Entscheidungen fort. Nach der Verletzung von Kim Kulig rotierte sie im Mittelfeld binnen einer Stunde von Kulig über Linda Bresonik zu Lena Goeßling. Das keine von ihnen das deutsche Spiel entscheidend strukturieren konnte, war nicht geplant. Es war jedoch zumindest ein verschenkter Wechsel, der ihr in der Verlängerung eindeutig fehlte. In ihrer Not brachte sie die auffallend glücklose Alexandra Popp. Mit dem Erfolg, dass Popp auch gegen Japan konstant glücklos blieb.

Für ein Spiel, das die deutsche Mannschaft trotzdem hätte gewinnen können, ist "vercoacht" ein großes Wort. Eine besonders gute Figur machte Silvia Neid in der wichtigsten Phase dieser WM trotzdem nicht. Nicht nur gegen Japan, sondern bei der gesamten Weltmeisterschaft.

So kommt es auch bei den Spielerinnen an. Etwa bei Birgit Prinz. Wie noch keine Deutsche bei dieser WM formulierte sie nach dem Spiel ihre Kritik: über ihre Nicht-Berücksichtigung, über die fehlende Kommunikation mit Neid. "Ich habe mich fit gefühlt, aber die Trainerin hat anders entschieden", sagte Prinz offen, "doch darüber gab es keine Kommunikation zwischen uns." In den Tagen zuvor hatte sie Neid stets noch "die Silv'" genannt. Diesmal sagte Prinz "die Trainerin".

Sicher, die deutschen Fußballerinnen haben die Chance vertan, ihren Sport noch nachhaltiger im Bewusstsein der Deutschen zu verankern, noch stärker von der Euphorie zu profitieren. Silvia Neid jedoch hat es verpasst, zum richtigen Zeitpunkt ein Mindestmaß an Verantwortung zu übernehmen. Unten bei ihren Spielerinnen, nicht von oben herab.

Deutschland ist aus dem Turnier unwiederbringlich ausgeschieden. Neid kann ihre Haltung in den kommenden Tagen immerhin korrigieren.

Tränen statt Titel

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