Forschungsskandal Verwurstete Doktorarbeiten

Das Fehlverhalten an der Freiburger Sportmedizin erreicht eine neue Dimension. Der Ruf einer deutschen Exzellenz-Universität und sogar die Integrität des westdeutschen Sports stehen auf dem Spiel.

Von Thomas Kistner

Es ist ein zäher Kampf um die Wahrheit. Vieles steht auf dem Spiel, die Integrität des westdeutschen Sports und der Ruf einer deutschen Exzellenz-Universität, da zieht naturgemäß nicht jeder am selben Strang. Und doch wird immer deutlicher, wie unredlich an der Freiburger Sportmedizin gearbeitet wurde. Seit 2007 fischt eine Evaluierungskommission unter der Kriminologin Letizia Paoli in der trüben Vergangenheit dieses einstigen Vorzeige-Instituts, immer wieder stießen die unabhängigen Ermittler auf grobe Behinderungen. In Kürze soll die Kommission ihre Tätigkeit beenden. Am Dreikönigstag teilte sie jetzt die Entdeckung eines Forschungsskandals mit. Dutzende Sportärzte seien darin verstrickt.

Gedopte Wissenschaft: Das beschreibt die neu aufgedeckten Missstände treffend. Für die Erkenntnis musste die Kommission nicht mal ihre Aktenkonvolute durchforsten, in denen sie den Dopingpraktiken der Breisgauer Sportmedizin und den Verstrickungen ihrer Doyens Joseph Keul und Armin Klümper nachspüren. Der neue Vorwurf speist sich ganz simpel aus allgemein verfügbaren Kanälen, stellen die Kommissionsmitglieder dar. Sie verweisen auf "vielzählige Publikationen in frei zugänglichen Datenbänken"; jeder könne sich da selbst ein Bild machen.

Die Kommission findet Arbeiten zum immer selben Thema - mit leicht geänderten Titeln

Das Bild, das die Prüfer malen: Massive, systematische Verfälschungen in Publikationen Freiburger Sportmediziner unter Keul im Zeitraum von 1988 bis 2000 weisen auf einen Forschungsskandal hin, der "eine neue Dimension wissenschaftlichen Fehlverhaltens mit möglicherweise gravierenden Folgen für das Fach Sportmedizin und den gesamten betroffenen Wissenschaftsbetrieb" - teilte Paoli mit. Klümper, der auch Fußballhelden versorgte, und Keul: deutsche Götter in Weiß. "Im einzigen Land", wie der US-Dopingforscher und Germanist John Hoberman betont, "das neben berühmten Sportlern auch berühmte Sportärzte kreierte."

Paolis Stab obliegt auch die Prüfung wissenschaftlicher Arbeiten, die seit den Fünfzigern am Freiburger Institut verfertigt wurden. Nun deutet hier ebenfalls vieles auf systematisch manipulierte Spitzenleistungen hin. Vereinfacht dargestellt fand die sechsköpfige Kommission heraus, wie Basisarbeiten von Doktoranden auf dreiste Tour in international hochwertige Elaborate verwandelt wurden. Etwa, indem unterschlagen wurde, dass Studien durch die Pharmaindustrie gefördert wurden: Für Gutachter entfällt dann der Verdacht, dass Abhängigkeit bestanden haben und auf bestimmte Ergebnisse hingearbeitet worden sein könnte. Solche Fragen mindern den Wert einer Arbeit.

Weglassungen wie diese wirken harmlos gegen den drängenden Eindruck, dass an der Sportmedizin aus sehr vielen Doktorarbeiten eine Art Wissenspool aufgebaut worden sei. Mehrere Doktorarbeiten seien zu Habilitationen vermengt worden, moniert die Kommission, dazu seien die passenden Daten und Ergebnisse selektiert worden. So wurde aus durchschnittlichen Basisarbeiten eine immer höherwertige wissenschaftliche Leistung simuliert: Schaut nur, wir haben da schon wieder eine neue Arbeit, mit anderen Probanden.

Das ist nicht alles. Wer wirklich Karriere machen will mit einer Habilitation aus verwursteten Doktorarbeiten, braucht unabdingbar internationale Spitzenpublikationen, mit griffigen Aussagen und tollen Ergebnissen. Was weitere Selektionsprozesse erfordert - oder Wissenschaftsbetrug auf hohem Niveau. Dazu passend fand die Kommission zahlreiche Veröffentlichungen mit leicht variierenden Titeln zum immer selben Thema, mit sich allerdings ständig ändernden Autorenkreisen und manchmal veränderten Resultaten. Weil so zahlreiche Arbeiten diese Bausatz-Methodik offenbaren, fordert Paolis Stab nun eine Task Force zur Prüfung der "vielen Publikationen der Autoren und Co-Autoren, um im Vergleich mit noch vorhandenen, der Kommission aber nicht zugänglichen Rohdaten auch eventuelle Datenfälschungen festzustellen". Ein anderes Problem will die Kommission per Aufruf zur Mithilfe an alle Betroffenen lösen: Wer ist überhaupt Täter, wer ist Opfer? Wer wurde zum Beispiel ohne sein Wissen zum Mitverfasser dubioser Arbeiten gemacht? Darauf weisen etwa falsch geschriebene Autorennamen hin. Manche Kollegen entzogen sich den Praktiken auch ganz. Wer indes seine Werke aus klandestinen Wissenspools zusammenrührte, gewann enorm viel Zeit und konnte den Arbeitsausstoß auf bis das Zehnfache im Vergleich zu ehrlicheren Kollegen steigern. Das hilft auf der Karriereleiter. Ohnehin fragen sich die Prüfer: Wurde da manche Medizinerkarriere gezielt gefördert - nicht, weil der Kandidat so große Qualität besaß, sondern gewisse persönliche Eigenschaften: solche, die ihn für die Arbeit am Kadersportler prädestinierten? Im Kontext der Freiburger Dopinghistorie liegt so ein Verdacht ebenso nahe wie die Frage, ob Doyen Keul bei all dem nur weggesehen hat. Oder ob er es gefördert hat. Das von den Prüfern bisher nur umrissene Governance-Versagen in der wissenschaftlichen Arbeit lenkt ja zwangsläufig den Blick auf mögliche Synergien in der Praxis der Sportlerbetreuung: Wie sahen dann hier die Anleitung und die Kontrolle aus? In Freiburg legte mancher junge Sportarzt kurz nach dem Abschluss los. Und fiel später tief.